Die ersten deutschen Wörter, die Zhao Jie als Schülerin lernte, waren: Arbeiter, Bauer, Soldat, Proletariat, Klassenkampf und Revolution. Und ihr erster deutscher Satz lautete: "Es lebe Vorsitzender Mao!" Heute spricht Zhao Jie, die als Dolmetscherin und Übersetzerin in Berlin lebt, fließend Deutsch, doch Wörter wie "Revolution" oder "Mao" spielen noch immer eine große Rolle in ihrem Leben. Beim Rückblick auf ihre Kindheit und Jugend in China empfindet Zhao Jie nur noch ungläubiges Staunen und ambivalente Schuldgefühle. Um ihr eigenes Leben zu verstehen und es auch für andere verständlich zu machen, hat sie ihre Erlebnisse jetzt niedergeschrieben: "Kleiner Phönix. Eine Kindheit unter Mao".
Zhao Jie wird 1957 in Peking geboren, sie wächst bei ihrer Großmutter in direkter Nähe zum Platz des Himmlischen Friedens auf. Im Kindergarten singt Zhao Loblieder auf den Kommunismus und den Vorsitzenden Mao. Die Kulturrevolution versetzt die Bevölkerung in Angst und Schrecken, und die Chinesen müssen Erinnerungsstücke aus der alten Kultur, wertvolle Bücher und herkömmliche Kleidungsstücke verbrennen. Zhaos Großmutter schneidet wie alle Frauen ihren traditionellen Haarknoten ab: "Keinesfalls konnte ich verstehen, was Großmutters Haarknoten mit der Revolution zu tun hätte. Großmutter verstand es genauso wenig. Sie wusste wie Hunderttausende anderer Chinesen nur eins: Ich muss gehorsam sein."