Das Geheimnis der Bärte – Seite 1

"Mit nichts lässt sich Heimweh besser bekämpfen als mit der großen russischen Literatur", erklärt Wladimir Kaminer in seinem neuen Buch "Tolstois Bart und Tschechows Schuhe" – und er weiß, wovon er spricht. Als er 1990 nach Deutschland kam, stellte er sich eine kleine russischsprachige Bibliothek zusammen. Inzwischen lebt er gern hier und schreibt sogar auf Deutsch, aber die Liebe zu den Schriftstellern seiner Heimat ist geblieben. Darum widmet der Bestseller-Autor sich in seinem neuen Buch den ganz Großen: Fjodor Dostojewski, Leo Tolstoi, Anton Tschechow und Vladimir Nabokov, aber auch den hierzulande nicht so bekannten Dichtern wie Michail Bulgakow, Wladimir Majakowski und Daniil Charms. Sie alle haben nicht nur ihn beeinflusst, sondern die gesamte Sowjetunion: "Diese Schriftsteller waren berühmter, als es heute Fernsehstars sind. Jeder, der lesen konnte, kannte, liebte oder hasste sie."

Der Grund für diesen Erfolg müsse in ihren riesigen Bärten liegen, überlegt Kaminer. Dass der Exil-Russe zu dieser Erkenntnis gelangt, liegt auch daran, dass die Dichter-Portraits – streng nach wachsendem Bartvolumen sortiert – in seinem Klassenzimmer hingen und ununterbrochen auf ihn herabschauten. Schnell wird deutlich, dass es in "Tolstois Bart und Tschechows Schuhe" nicht einfach um das Leben und Werk der literarischen Berühmtheiten geht. Kaminer verknüpft die Portraits mit persönlichen Erinnerungen an seine Jugend und gibt mit Vorliebe besonders skurrile oder pikante Anekdoten aus dem Leben des jeweiligen Dichters zum Besten. So wurde Fjodor Dostojewski ausgerechnet in Deutschland spielsüchtig und brauchte so dringend Geld, dass er zwei seiner bedeutendsten Romane in nur 28 Tagen schrieb. Kaminer hat recherchiert, dass ihm das nur mit Hilfe einer jungen Stenografin gelang: "Er diktierte und diktierte, erzählte und redigierte und heiratete zuletzt die Stenografin, damit er ihr auch nachts diktieren konnte."


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Tolstois Abenteuer

Der große Tolstoi hingegen war nicht so pragmatisch im Umgang mit Frauen, er übergab seiner 18jährigen Braut vor der Hochzeit sein Tagebuch, in dem er all seine sexuellen Abenteuer aufgeschrieben hatte, und Kaminer kennt die Folgen: "Die nackte Wahrheit der Tagebücher trug dazu bei, dass die Gräfin Sofja eine übertriebene Eifersucht entwickelte, die mit den Jahren zu einer psychischen Erkrankung führte."

Der unangefochtene Lieblingsdichter Kaminers war während seiner Pubertät jedoch Wladimir Majakowski, darum trug Kaminer beim Wettbewerb "Schüler lesen ihren Lieblingsdichter" ein derbes Gedicht von ihm vor. Damit wollte der Siebtklässler im vollbesetzten Festsaal das System kritisieren und das Publikum beschimpfen. Doch der Versuch scheiterte so kläglich wie siegreich: Kaminer gewann für seine Majakowski-Darbietung den ersten Platz und konstatiert rückblickend: "Anscheinend dachte die Führung, was wir nicht bekämpfen können, lassen wir für uns arbeiten."

Es ist ein großes Vergnügen, dieses Buch zu lesen, und immer wieder möchte man innehalten, um die lustigsten Geschichten direkt weiterzuerzählen. Gleichzeitig wird einem bei der Lektüre nicht nur die russische Literatur, sondern auch die Sowjetunion nähergebracht. Plötzlich beginnt man zu verstehen, warum ausgerechnet dieses außergewöhnliche und immer wieder gebeutelte Land so viele bedeutende Schriftsteller hervorgebracht hat – Wladimir Kaminer zum Beispiel.


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