Das Zeitalter der Erkenntnis – Seite 1

Warum berührt uns Kunst? Wie kann es sein, dass beim Betrachten eines Bildes Emotionen freigesetzt oder Erkenntnisse gewonnen werden? Der Maler eines Kunstwerks, das uns im Jahr 2012 zutiefst bewegt, hat möglicherweise in einer ganz anderen Zeit gelebt und wusste nichts von unseren heutigen Problemen, doch trotzdem schafft er es, unsere Seele zu berühren – indem er Farbe auf eine Leinwand gegeben hat. Wie ist das möglich? Oder mit den Worten des 83-jährigen Eric Kandel: "Erst wenn man erklären kann, was in meinem Gehirn passiert, während ich mir die Mona Lisa in Erinnerung rufe, höre ich auf". In "Das Zeitalter der Erkenntnis. Die Erforschung des Unbewussten in Kunst, Geist und Gehirn von der Wiener Moderne bis heute" konzentriert er sich in der bildenden Kunst auf Klimt, Schiele und Kokoschka.
Was vielleicht auf den ersten Blick abstrakt klingt, macht der Nobelpreisträger auf atemberaubende Weise verständlich, mit Hilfe von prachtvollen Abbildungen bekannter Kunstwerke und vielen Schaubildern verdeutlicht Kandel seine Gedankengänge und Analysen, so dass der Leser ein echtes Verständnis für die wissenschaftliche Arbeit Kandels gewinnt und gleichzeitig von Wiener Kaffeehaus-Atmosphäre umgeben ist.
Denn der Autor bedient sich einer geniale Methode, um neue Erkenntnisse zu gewinnen und gleichzeitig anschaulich zu bleiben: Er wählt für seine Analyse drei bedeutende Maler aus, Gustav Klimt, Egon Schiele und Oskar Kokoschka, die alle um 1900 in Wien lebten und in einem regen Austausch mit den naturwissenschaftlichen Entwicklungen ihrer Zeit standen. Für Kandel war Wien zu dem Zeitpunkt die modernste Stadt der Welt: Hier entdeckte Sigmund Freud die Bedeutung des Unterbewusstseins und erkannte, dass der menschliche Verstand nicht rational funktioniert, sondern dass wir alle von unbewussten Motiven getrieben sind. Freuds Forschung beeinflusst Wissenschaft und Kunst bis heute, damals tauschten sie in Kaffeehäusern ihre Erfahrungen und Erkenntnisse aus, vernetzten sich und debattierten, heute würde man von interdisziplinärer Forschung und Networking sprechen. Kandel nimmt den Leser mit in dieses faszinierende Wien, in dem Genialität, Kreativität und Visionen in besonderer Weise zusammentrafen.

An was erinnern wir uns – und warum?

Doch dieses Wien, für das Kandel schwärmt und in dessen Bann er den Leser zieht, ist ein anderes als das, das er 1938 als Neunjähriger verlassen musste, um den Nazis zu entkommen. Seine Faszination für das Erinnern und das Vergessen begründet sich in Kandels Biographie, er erinnert sich genau an das blaue Spielzeugauto, das er zurück lassen musste, als die Familie von der Gestapo abgeholt wurde. Und er weiß, dass er sich so genau daran erinnert, weil die Ereignisse damals emotional sehr bedeutsam für ihn waren. Kandel geht seither der Frage nach, wie Erinnerung funktioniert.

Er studierte Geschichte und Literatur an der Harvard University, danach Medizin an der New York University, um Psychoanalytiker zu werden. Aber es reichte ihm nicht, die psychologischen Vorgänge im Gehirn zu untersuchen, stattdessen wollte er wissen, welche biologischen Prozesse dabei ablaufen, und kam zur Neurobiologie. Kandel hat sein Leben der Erforschung des Gehirns gewidmet und erhielt dafür im Jahr 2000 den Nobelpreis für Medizin. Seine Leidenschaft für die Kunst konnte Kandel jetzt in seinem beeindruckenden Buch mit seinem Lebenswerk verknüpfen. Wie glücklich ihn das macht, spürt man auf jeder Seite.

Er weiß: "Ohne Gedächtnis wären wir nichts. Wir sind, was wir sind, auf Grund dessen, was wir lernen und woran wir uns erinnern". Wer "Das Zeitalter der Erkenntnis" gelesen hat, wird viel lernen, sich gern daran erinnern und die Welt danach mit anderen Augen sehen.