Was haben ein Fremdenhasser, ein Fitnessfanatiker und ein Hardcore-Veganer gemeinsam? Gar nichts, möchte man im ersten Moment sagen. Fremdenfeindlichkeit hat eine traurige Aktualität, Sportbesessene gab es schon immer, und Veganismus scheint ein neuer Trend zu sein. Und doch haben diese drei Gruppen einen gemeinsamen Nenner, sagt der Professor für Persönlichkeits- und Sozialpsychologie Ernst-Dieter Lantermann in seinem neuen Buch Die radikalisierte Gesellschaft. Er erklärt, dass Fremdenhasser, Fitnessfanatiker und Veganer sich radikalisiert haben, jeder auf seine Weise aber mit dem gleichen Ziel. Es lohnt sich, diese These genauer zu beleuchten und Lantermanns Argumentation zu folgen: Die Fremdenhasser wissen dank ihrer neuen Weltanschauung wieder, wer Freund und wer Feind ist und haben eine klare Haltung: Deutschland den Deutschen. Der Fitnessfanatiker kann mit Hilfe von Self-Trackern und Apps seine Körperfunktionen messen, bewerten und vergleichen. Diese Selbstoptimierung gibt Halt, außerdem kann der Fitnessfanatiker sich Ziele setzen und sie erreichen. Und was ist mit den Veganern? Auch hier hat eine Radikalisierung stattgefunden, sagt Lantermann – Veganismus ist mehr als ein Ernährungsstil, er soll Sinn stiften und Halt geben. Der vegane Alltag wird geprägt von der vermeintlich einzig richtigen Art zu essen und zu leben. Das Tierwohl steht über allen anderen Interessen, und der Veganer fühlt sich seinen Mitmenschen moralisch überlegen.
Die Ursachen für die Radikalisierung unserer Gesellschaft liegen auf der Hand: "Die Welt erscheint den meisten heute weniger kontrollierbar und ungewisser, gefährlicher und unübersichtlicher geworden zu sein", sagt Lantermann