Obwohl Datenschutz abstrakt klingt – man kann ihn genauso designen wie einen Sportwagen oder einen Schrank. Und genau das ist Lea Kissners Job.


Früher stand auf Lea Kissners Visitenkarte, dass sie "von Berufs wegen paranoid" sei. Das war natürlich ironisch gemeint. Im normalen Leben ist Kissner eine entspannte Zeitgenossin, die für jeden Spaß zu haben ist. In ihrem Job allerdings ist ein Schuss Paranoia durchaus von Vorteil – zum Beispiel in ihrer Funktion als langjährige Leiterin eines Teams bei Google namens NightWatch, zu deutsch: Nachtwache. "Unsere Aufgabe ist es, unsere Nutzer vor den dunklen Seiten des Internets zu schützen", sagt sie stolz. Das bedeutet: Hunderte von Mitarbeitern überprüfen akribisch jedes Produkt, das auf den Markt kommt, und jedes System, das intern verwendet wird, auf Datenschutz und Sicherheit.

Menschen wie Lea Kissner sorgen dafür, dass der Schutz der Nutzerdaten gleich in die Produktentwicklung mit einfließt. Wenn Software-Ingenieure eine Anwendung planen, stellt sie sicher, dass die Datenschutz-Standards von Google eingehalten werden und überarbeitet das Produkt gemeinsam mit ihren Kollegen, wenn das nicht der Fall sein sollte. "Ich möchte in einer Welt leben, in der die Privatsphäre von Nutzern respektiert wird", sagt sie. "Und diese Welt kann ich aktiv mitgestalten, indem ich mit meinem Team entsprechende Technologien entwickle."

Wenn ein Projekt diesem Anspruch nicht genügt, kann Kissner ihr Veto einlegen. Unter Entwicklern und Produktmanagern eilt der Amerikanerin daher der Ruf voraus, furchteinflößend zu sein. Darauf angesprochen, lacht sie laut auf. "Ich finde nicht, dass man vor mir Angst haben muss", sagt sie und schaut ihren Kollegen neben sich neugierig an. "Stephan", fragt sie. "Mache ich dir etwa Angst?"

(Foto: Mathew Scott)

Stephan Micklitz, Entwicklungschef für Datenschutz- und Sicherheitsprodukte, schüttelt den Kopf und lächelt. Er ist für eine Woche von München zum Google-Hauptsitz ins kalifornische Mountain View gereist, um Kollegen zu treffen und Projekte voranzutreiben. Gerade diskutiert er mit Lea Kissner über das Datenschutz-Design. Denn tatsächlich muss man Datenschutz genauso gestalten wie einen Sportwagen oder Schrank. "Ich überlege mir, was schiefgehen könnte und wie es schiefgehen könnte – und finde dann Wege, dass genau diese Szenarien nicht eintreten", sagt Lea Kissner.

Milliarden Menschen auf der ganzen Welt benutzen Produkte von Google. Die Bedürfnisse unterschiedlicher Nutzergruppen zu berücksichtigen ist deshalb leichter gesagt als getan. "Ein System, auf das Millionen Menschen gleichzeitig zugreifen, muss ganz anders gebaut sein als eines für zehntausend Nutzer", sagt Stephan Micklitz. Zudem muss Lea Kissner berücksichtigen, dass sich Googles Nutzer in unterschiedlichen Lebenswelten bewegen. Sie versucht, die Produkte so zu gestalten, dass alle Nutzergruppen sich damit wohlfühlen und im Zweifelsfall selbst entscheiden können, was sie von sich preisgeben und was nicht.

Im Jahr 2011 während des Arabischen Frühlings zum Beispiel luden viele Aktivisten YouTube-Videos hoch, auf denen Regimegegner und Protestierende leicht zu erkennen waren. Ohne es zu ahnen, spielten die Aktivisten damit ihren Gegnern in die Hände. Unter Lea Kissners technischer Leitung wurde ein Feature entwickelt, mit dem man Gesichter in YouTube-Clips verpixeln kann. Außerdem erlaubte es den Nutzern, das unverpixelte Original für immer zu löschen. "Für einen Dissidenten im Nahen Osten ist das eine wichtige Option", sagt Lea Kissner. "Eine Modebloggerin in Deutschland will vielleicht das unbearbeitete Video behalten. Deswegen ist bei YouTube beides möglich."

Datenschutz und Sicherheit ist ein komplexes Forschungsgebiet, das sich ständig verändert. Das NightWatch-Team beschäftigt deshalb für die wichtigsten Teilgebiete eigene Experten: Kryptographie, Biometrie, Datenanonymisierung oder Datenschutz für künstliche Intelligenz. Software-Entwickler arbeiten Seite an Seite mit ehemaligen Journalisten, Aktivisten oder Neurowissenschaftlern. Einige Mitarbeiter haben Wirtschaftswissenschaften studiert und untersuchen die Anreizstrukturen von Cyberkriminellen. "Um das Vorgehen von Verbrechern vorherzusehen, muss man erst einmal verstehen, wie sie überhaupt ihr Geld verdienen", sagt Lea Kissner.

(Foto: Mathew Scott)

Nicht nur in dieser Hinsicht ist das Team vielfältig. Bewusst hat Lea Kissner darauf geachtet, dass ihre Mitarbeiter aus der ganzen Welt stammen. Männer und Frauen halten sich die Waage, wobei sich einige Mitarbeiter als "nicht-binär" beziehungsweise "genderqueer" sehen – sich also keinem Geschlecht klar zuordnen. Für Lea Kissner steht der Name NightWatch auch für diese Vielfalt. "Mir fällt bei NightWatch zuerst der tolle Fantasy-Roman von Terry Pratchett ein, in dem eine Nachtwächtertruppe aus Trollen, Vampiren, Werwölfen und Zombies eine Stadt schützt", sagt sie. "Gerade die Mischung aus unterschiedlichen Typen macht die Gruppe erfolgreich."

Obwohl ihr NightWatch ans Herz gewachsen ist, hat Lea Kissner vor Kurzem eine neue Aufgabe bei Google übernommen. Sie ist jetzt für das Datenschutz-Design der Infrastruktur verantwortlich, die allen Anwendungen von Google zugrunde liegt. "Ich hatte wieder Lust, mich intensiv mit technischen Lösungen zu beschäftigen", sagt Lea Kissner. Von Berufs wegen misstrauisch ist sie aber nach wie vor – auch wenn das mittlerweile nicht mehr auf ihrer Visitenkarte steht.



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