Das Ergebnis: Geht es um die Befragten selbst, nennen sie Werte wie Solidarität und eine sinnstiftende Arbeit als maßgeblich. Sobald sie aber die Einstellung anderer einschätzen sollen, wird diesen abgesprochen, die eigenen Werte zu teilen. "In zentralen politischen Fragen geht ein Vertrauensriss durch Deutschland", resümierte Jutta Allmendinger, Soziologin und federführende Autorin der Studie, zum Beginn der vierten "ZEIT KONFERENZ Der Auftrag" im Berliner Radialsystem.

Gäste dort waren neben Größen aus Politik und Kultur die Konferenzpartner, die sich selbstgestellten Aufträgen im Kontext der Vermächtnisstudie (siehe unten) widmen und einen Zwischenstand abgaben. Um die von ihr konstatierte Vertrauenskrise zu überwinden, adressierte Jutta Allmendinger unter anderem die Sozialpolitik, die unter dem Druck der Digitalisierung den Auftrag hätte, Menschen auch in der Mitte des Lebens eine berufliche Weiterbildung zu eröffnen. "Wir lassen jene Leute im Regen stehen, die die meiste Hilfe bräuchten, um Zutrauen zu haben – auch in die Arbeit von morgen!" Ihr Credo: Die Zeit normierter Lebensverläufe ist passé – und die "institutionelle Gängelung und Kränkung" muss von einer "Politik des Vertrauens" abgelöst werden.

Thomas Leubner, Leiter Global Learning & Education bei der Siemens AG, nannte Vertrauen als zentrale Voraussetzung für die digitale Transformation. Jährlich investiert das Unternehmen weltweit 500 Millionen Euro in Aus- und Weiterbildung. Seit 2019 wurde ein zusätzliches Budget für weitere fünf Jahre mit 100 Millionen Euro veranschlagt, um speziell erfahrenen Mitarbeitern gezielte Weiterbildungsangebote offerieren zu können. "Zum Beispiel dem Gabelstaplerfahrer, der zum Betreuer für autonome Fahrsysteme wird; oder der IT-Fachfrau, die sich im Bereich digitale Sicherheit qualifizieren lässt."

Voraussetzung sei, dass die Initiative auch von den Mitarbeitenden selbst ausgeht. Freiwilligkeit sei ein Gebot der Erfahrung, da ein hohes Maß an intrinsischer Motivation notwendig ist.

Doch gerade bei einem gut ausgebildeten Klientel klinge lebenslanges Lernen eher nach einer Drohung, gab Hubertus Heil, Bundesminister für Arbeit und Soziales, zu bedenken. "Es wäre hochgefährlich, wenn sie das Gefühl hätten, ihre Arbeit wäre nichts mehr wert." Die Frage nach der Motivation beantwortete Menno Smid, Geschäftsführer vom infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft: Lernen sei längst als Wert an sich gesellschaftlich anerkannt, und seit der Moderne genieße auch die Arbeit einen neuen Stellenwert – "als Zugang zur Teilhabe und als Medium der Selbstentfaltung ". Um in diesem Kontext für "realistische Zuversicht" zu sorgen, kündigte Minister Heil an, sich sowohl für die Altersabsicherung von Selbstständigen einzusetzen als auch für einen Tarifvertrag für die Pflege – und für die Verknüpfung des öffentlichen Vergaberechts an die Tarifbindung.

Habituelle Hürden bei der digitalen Transformation thematisierte Verena Pausder, Gründerin und CEO von Fox & Sheep, einem Unternehmen, das Kinderapps und –spiele entwickelt. Ihr Anspruch, schon die Jüngsten an die digitale Welt heranzuführen, stoße vielfach auf Skepsis. Das Vorurteil von Eltern, "die Cellounterricht, Sport und Waldbesuche präferieren": Digitale Geräte würden primär zum Spielen genutzt. "Schon heute verdammen wir eine ganze Generation zum lebenslangen Lernen, weil wir verpassen, ihnen das beizubringen, was sie in Zukunft wissen müssen", so Pausder. Darunter litten vor allem Kinder aus bildungsfernen Haushalten, die zu viel Zeit mit Online-Spielen verbringen würden, während das Bildungsbürgertum verhindere, dass an Schulen Medienkompetenz und Programmierkenntnisse vermittelt werden. Einmütig kritisch fiel das Urteil der Gäste zum Digitalpakt aus. "Es ist zu kurz gesprungen, nur Geld zur Verfügung zu stellen, wenn pädagogische Konzepte fehlen, die Umsetzung nicht möglich ist und die Lehrerausbildung nicht auf das entsprechende Niveau gebracht wird", resümierte Thomas Leubner.



Was aber könnten Alternativen sein? Zum Beispiel das vom Stifterverband mitfinanzierte Programm "Schule in der digitalen Welt". Dabei werden seit 2019 deutschlandweit 20 Schulen mit je 15.000 Euro gefördert, die bereits mit lehrerbildenden Hochschulen kooperieren und nun für diese Medienkonzepte entwickeln können. Im Zentrum stehe die Vermittlung der Kompetenz, internetbasierte Daten auf Glaubwürdigkeit zu überprüfen, erläuterte Andreas Schlüter, Generalsekretär des Stifterverbands. "Früher konnte man Lehrbüchern und Lehrern vertrauen, heute stellt uns die Überfülle von Quellen im Netz vor neue Herausforderungen – Stichwort Fake News."

Kritik an der Erwartungshaltung, dass in Sachen Digitalisierung politische Institutionen aktiv werden sollten, äußerte Ralf Kleber, Country Manager von Amazon.de, dem Co-Förderer des Programms "digital engagiert", das jetzt in die dritte Runde geht. Er plädierte dafür, initiativ zu werden "und sich selbst mal zu fragen: Wie könnte ich gemeinsam mit meinen Kindern am iPad programmieren üben?" Dieser "Wille zu experimentieren" sei bei Amazon eine gefragte Qualifikation. "In unserer Unternehmenskultur werden Fehler nicht bestraft und alle haben die gleiche Chance, dass ihre Ideen zum Tragen kommen."

Eine gerechte Chance auf Teilhabe stand auch im Fokus eines Podiums zum Thema Deutschsein und Rassismus. "Was dieser Gesellschaft fehlt, ist Streitkultur", lautete die These von Ahmad Mansour, deutsch-israelischer Psychologe und Autor. Um den Umgang mit Vielfalt zu lernen, hält er Dialogplattformen für unerlässlich – besonders an Schulen. Denn viele Lehrer hätten heute kaum mehr Zugang zur Lebenswelt ihrer Zöglinge, bedauerte Mansour. Seine Erfahrung: Jugendlichen, die sich rassistisch äußern, sei häufig kaum bewusst, was daran problematisch ist. Umso wichtiger sei es, nach Argumenten zu fragen und sie aufzufordern, eigene Aussagen zu reflektieren. "Die meisten Menschen sind erreichbar, wenn man ihnen die Möglichkeit gibt, nachzudenken – und Vorbilder zu haben!"

Vom Dilemma, als Politikerin Themen aufzugreifen, die die AfD für sich beansprucht, sprach Linda Teuteberg, Generalsekretärin der FDP. "Im Bundestag wird schnell der Vorwurf laut, die eigene Frage sei nah oder fern der AfD." Deren Vertreter erhielten so die Deutungsmacht über die Agenda der anderen Parteien. Ihr Plädoyer: "Man muss aus dieser Denkstruktur heraustreten und wieder in der Sache streiten!" Jackie Thomae, Journalistin und Fernsehautorin, beobachtet die Durchdringung einer überzogenen Political Correctness durch alle Diskurse: "Es ist nicht per se ein Angriff, wenn jemand die neueste Änderung einer Anrede oder Begrifflichkeit nicht mitbekommen hat", mahnte sie. Zudem kritisierte Thomae, dass sich die Menschen in der Wahrnehmung anderer heute stark von Emotionen leiten und zu Stereotypen hinreißen ließen. Zum Beispiel, wenn aus westdeutscher Perspektive der Osten stets als homogene Gruppe missverstanden werde. Ihre Warnung vor jeglicher Form der Pauschalisierung als Ausdruck von Rassismus klang wie eine Art Resümee zu einer Konferenz, die genau diese Diagnose zum Thema hatte: Das Problem, so scheint es, sind immer die anderen.

DIE AUFTRÄGE

Die Partner der diesjährigen ZEIT KONFERENZ "Der Auftrag" haben den gesellschaftlichen Diskurs zu den folgenden Aufträgen vorangebracht. Die Siemens AG präsentierte neue Ergebnisse zum bereits 2018 übernommenen Auftrag. Die Förderinitiative digital.engagiert stellte einen neuen Auftrag vor, der bei der Konferenz in einem Jahr nachgehalten wird.

ZUKUNFT DER ARBEIT UND DIGITALER WANDEL

Auf Grundlage der Ergebnisse der Vermächtnisstudie übernimmt die Siemens AG den folgenden Auftrag: Die Menschen in Deutschland sollen von der Digitalisierung profitieren. Wir nehmen die Ängste der Menschen ernst und werden den Dialog mit Politik und Bildungseinrichtungen intensivieren. Wir fördern lebenslanges Lernen, federn den Strukturwandel mit gezielten Investitionen ab und unterstützen Gründer mit unseren Ressourcen.

DIGITAL ENGAGIERT FÜR BILDUNG

Auf Grundlage der Ergebnisse der Vermächtnisstudie übernimmt die Förderinitiative digital.engagiert den Auftrag: Wir wollen Projekte unterstützen, die in der Zivilgesellschaft mit digitalen Angeboten eine zeitgerechtere Bildung für alle ermöglichen.



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