"Es wird sprichwörtlich gesagt, dass Selbsterkenntnis der Anfang jeder Besserung sei. Und dennoch dringen die Ergebnisse einiger Untersuchungen viel zu selten oder viel zu langsam in unsere Lebenswelt vor, fast nie führen sie direkt Änderungen herbei. Mit den Erkenntnissen der Vermächtnisstudie, welche DIE ZEIT, infas und das WZB gemeinsam initiiert haben, soll das anders werden."


Mit diesem Appell wandte sich Giovanni die Lorenzo, DIE ZEIT-Chefredakteur, an die Unterstützer der Studie "Das Vermächtnis. Die Welt, die wir erleben wollen" von DIE ZEIT, dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und dem Bonner Sozialforschungsinstitut infas. Der Anspruch ist es nicht nur, Deutschland den Puls zu fühlen, sondern die Vermächtnisstudie soll dazu beitragen, von der Erkenntnis zum Handeln zu kommen. Dazu braucht es Unternehmen, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind, und aktiv werden.

Mehr als 3000 Menschen in Deutschland wurden 2015 in persönlichen Interviews gefragt, wie sie die Welt erleben – und wie sie ihrer Meinung nach sein sollte. Dabei waren nicht nur die Fragen außergewöhnlich umfassend, sondern auch das Design der Studie. Die Menschen wurden in einem Dreiklang nach dem Istzustand, ihrem Vermächtnis und der Zukunftserwartung befragt: Welche Werte möchten sie an die nächste Generation weitergeben? Und glauben sie, dass diese Werte in Zukunft wirklich gelebt werden? Studienleiterin und WZB-Präsidentin Professor Jutta Allmendinger: "Mit dem Istzustand sind die Leute zufrieden, allerdings liegt dahinter Unsicherheit und Angst." Um wirklich in das Innere der Befragten vorzudringen, wurden auch "ihre Gefühle erhoben", so Allmendinger. Fragen wurden nicht nur verbal formuliert, sondern mit Sinnesreizen verbunden. Jeder Gesprächspartner sollte während des Interviews immer wieder an Duftproben riechen, sich Rhythmen anhören und verschiedene Oberflächen ertasten.

Überraschend an den Ergebnissen ist: Uns verbindet ein generationsübergreifendes Wir-Gefühl und ein Werte-Konsens. Das Erstaunliche: Den viel beschworenen Generationenkonflikt gibt es laut der Studie so nicht. Zwischen den unter 30-Jährigen und über 60-Jährigen zeigten sich kaum Unterschiede. Doch vereint sind wir im Zukunfts-Pessimismus. Daran wollen wir etwas ändern.

Auf den bisher drei ZEIT KONFERENZEN "Der Auftrag" ging es darum, von der Erkenntnis zum Handeln zu kommen. Spitzenpolitiker, Soziologen und Entscheider diskutierten über die Sprengkraft gesellschaftlicher Debatten und Unternehmen übernahmen Handlungsaufträge. So unterstützte SAP Unternehmen und Menschen mit konkreten Orientierungshilfen dabei, selbstbewusst und verantwortungsvoll mit der Digitalisierung umzugehen. Die REWE Group übernahm den Auftrag, ihre Kunden zum Thema Nachhaltigkeit empirisch zu befragen. Und Pfizer Deutschland kümmerte sich darum, die Digitalisierung zu nutzen, um die Gesundheitsversorgung zu verbessern. Big Data werde dem Patienten maßgeschneiderte Therapien ermöglichen, sagte Peter Albiez, Vorsitzender der Geschäftsführung von Pfizer Deutschland: "Die Digitalisierung ist in der Medizin der Treiber für Innovation."

Aber wer hat hier künftig wen im Griff: der Mensch die Technik – oder die Technik den Menschen? "Wir müssen verstehen, wie sich der digitale Wandel auf die Zukunft der Arbeit auswirkt", sagte ZEIT- Geschäftsführer Rainer Esser. Laut Vermächtnisstudie hat die Arbeit für die Deutschen einen sehr hohen Stellenwert. Für 90 Prozent der Männer und 80 Prozent der Frauen ist die Erwerbstätigkeit sogar wichtiger als Kinderkriegen oder der Genuss des Lebens. Doch die Digitalisierung wird viele Jobs in ihrer heutigen Form umkrempeln. Studien prophezeien, dass die Arbeit fast jedes Zweiten bedroht sein könnte.

Deshalb übernahm Siemens den Auftrag zum Thema "Zukunft der Arbeit & digitaler Wandel". Die Industrie 4.0, mit der das Internet die Fabriken erreicht, werde die Art verändern, wie wir leben, sagte Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser und zeigte sich optimistisch: "Bislang haben alle industriellen Revolutionen die Welt verbessert." Allerdings geht der Spitzenmanager diesmal von einer anderen "Mächtigkeit" aus, weil sich die Welt heute in Echtzeit austauschen kann und alle miteinander verbunden sind. Auch wenn es Gewinner und Verlierer geben werde: "Dass sich die Gesellschaft spaltet, müssen wir verhindern", forderte Kaeser. Auch aus dem Grund will sich Kaeser zusätzlich für kleine und mittlere Unternehmen engagieren. Ganz konkret will Siemens helfen, indem es sein Wissen teilt. Die Fortbildungen für Mitarbeiter, sagte Kaeser, seien auch offen für andere Unternehmen. "Wir müssen viel mehr mitgestalten", so der Manager.

Und was kann die Politik machen? Der ehemalige Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) warnte vor dem ökonomischen Abschwung und davor, dass Orte und Städte vernachlässigt würden. "Verwahrloste Städte produzieren verwahrloste Seelen." Gabriel gefällt die Idee, den Soli aufrechtzuerhalten, dieses Geld aber in schwache Kommunen in Ost und West zu lenken, damit dort "Leben stattfinden kann". "Es gibt keine soziale Gesellschaft ohne soziale Kommunen vor Ort."

Beispiele dafür, wie es gut laufen kann, suchte Allianz Deutschland. Das Unternehmen hat den Auftrag übernommen hat, auf Grundlage der Ergebnisse der Vermächtnisstudie, die Veränderungsbereitschaft der Deutschen genauer zu analysieren und Zukunftsoptimisten zu finden. 

Wer wie die Vermächtnisstudie den Deutschen in die Seele blickt, stößt bei den Themen Migration und Integration schnell auf die Frage, was "deutsch" eigentlich bedeutet. Eine der wichtigen Stimmen in dieser Debatte ist die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali. Für die Journalistin steckte die deutsche Demokratie in einer kritischen, ja sogar gefährdeten Phase. 

Ticken die Deutschen heute anders? Bekommt die Demokratie durch die neue Lust am Protest Rückenwind? Gespannt werden nun die Ergebnisse der zweiten Befragung 2018 im Rahmen der großen Vermächtnisstudie erwartet. DIE ZEIT präsentiert die neuen Ergebnisse ab Mai 2019 in unterschiedlichen Ressorts und zu den gesellschaftspolitisch relevanten Themen werden auf der nächsten Konferenz im Winter 2019 neue Handlungsaufträge an Unternehmen vergeben.


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