In einer Berliner WG sprachen Kristine Markus, Jura-Studentin aus Lettland, Roman Becker, BWL-Doktorand aus Deutschland, Robert Heslop, Politik-Student aus Großbritannien und Gatien Loyseau, BWL-Student aus Frankreich, über ihre Erwartungen – erstaunlich verschiedene.

Wer von Euch geht wählen? 

Kristine Markus: Ich auf jeden Fall! Lettland ist zwar nur ein kleines Land, aber durch die Mitgliedschaft in der EU haben auch wir Einfluss in Europa. Den will ich nutzen. Ich finde es sehr wichtig, dass Abgeordnete unsere Interessen vertreten.  

Robert Heslop: Ich würde schon gern wählen. Aber wen? In meiner Heimat England sehen fast alle Parteien die EU kritisch. Das macht es schwer, jemanden zu finden, der das anders sieht.   

Gatien Loyseau: Ich möchte wählen, denn ich habe meine Bauchschmerzen mit Europa. Da läuft vieles falsch. Es gibt nun einmal französische und europäische Interessen. Für die französische Exportwirtschaft ist beispielsweise der Euro zu hoch bewertet, das schadet uns. Mich stört auch, dass die Länder über die Steuersätze konkurrieren.

Grundsatzfrage: Was für ein Europa wollen wir? 

Gatien: Ein föderales Europa wäre eine Variante für mich. Aber am wichtigsten ist der Erhalt der Demokratie und der Respekt vor den Meinungen der verschiedenen Völker. Wir dürfen uns auch nicht in Kleinkriegen zwischen den Ländern verlieren: Wer hat die niedrigsten Arbeitskosten? Wer verlangt am wenigsten Steuern?

Robert: Das sehe ich als Brite anders. In der Umwelt- und Außenpolitik können wir gern enger zusammenarbeiten. Aber ansonsten müssen wir unsere Interessen schützen dürfen. Das machen andere Länder doch auch: Deutschland blockiert zum Beispiel strengere Umweltvorschriften für den Bau von Autos.  

Roman Becker: Vielleicht sollte man sich einfach nicht der Illusion hingeben, dass die nationalen Interessen einfach so verschwinden werden. In naher Zukunft wird es kein föderales Europa geben.

Wonach entscheidet ihr, welcher Partei ihr eure Stimme gebt? 

Kristine: Ich schaue mir vor allem die Menschen an, die ich wählen soll. Meine Erfahrung sagt mir, dass Wahlprogramme in den seltensten Fälle wirklich umgesetzt werden. Deshalb sind für mich die Politiker wichtiger. Und da habe ich als Lettin ein gutes Angebot: In Lettland ist es eine Auszeichnung, für die EU zu arbeiten. Wir schicken nur die Besten nach Brüssel.

Robert: Die Massenarbeitslosigkeit von Jugendlichen ist für mich das größte Problem. Wer mich hier überzeugen kann, den wähle ich. Aber kann Brüssel diese Krise lösen? Ich weiß es nicht.  

Gatien: Ich studiere Wirtschaft, deshalb ist dieses Thema für mich am wichtigsten. Die Wirtschaftspolitik hat auf alles Auswirkungen. Ich würde mir einen europäischen Mindestlohn wünschen. Ja, es stimmt, man denkt auch bei einer Europawahl in nationalen Kategorien. Aber ich glaube ohnehin nicht, dass die europäische Identität jemals stärker wird als die nationale.

Wie fühlt ihr euch denn? Als Europäer? 

Gatien: Ich bin Elsässer! Danach Franzose und dann Europäer.  

Kristine: Ganz klar als Europäerin. Wir sind seit einem Jahrzehnt in der EU, seit diesem Jahr haben wir den Euro. Ich bin mit dem Wissen aufgewachsen, in alle Länder reisen zu können. Meine Eltern kannten das noch nicht.  

Roman: Ich fühle mich auch als Europäer. Und ich habe das Gefühl, wir vergessen manchmal die riesigen Errungenschaften von Europa, wenn wir uns – zum Beispiel – über Milliardenhilfen für Griechenland streiten. Seit Jahrzehnten keinen Krieg mehr: Das nehmen wir manchmal als zu selbstverständlich hin. 

Kristine: Das stimmt. Ich kann als Lettin ohne ein Visum in Deutschland studieren. Das ist nicht selbstverständlich. Für Kommilitonen aus Russland steckt dahinter ein Riesenaufwand!

Wo muss sich die EU verändern?

Kristine: Ich würde mir ein stärkeres Engagement in der Außenpolitik wünschen – zum Beispiel in der Ukraine.   

Robert: Viele Menschen sterben bei der Flucht nach Europa im Mittelmeer. Die Immigration ist nur ein Randthema – zu Unrecht. Auch muss Europa Flüchtlinge aus Syrien aufnehmen. Das passiert viel zu wenig.