Nach Schätzungen sind bereits weit über sieben Millionen Menschen in Deutschland von Diabetes mellitus betroffen. Rund 90 Prozent davon leiden unter Diabetes mellitus Typ 2, meistens ältere, aber zunehmend auch jüngere Menschen. Die besseren Therapiemöglichkeiten und auch die längere Lebenszeit führen dazu, dass auch die Sekundärkomplikationen proportional zunehmen. Dazu zählen Erkrankungen der großen Gefäße wie auch der kleinen Gefäße der Netzhaut – die diabetische Retinopathie, vor allem aber die Polyneuropathie als Systemerkrankung der Nerven. "Es handelt sich bei der diabetischen Polyneuropathie um eine Folgeerkrankung an der Schnittstelle zwischen Neurologie und Innerer Medizin", erklärt Prof. Dr. med. Dr. h.c. Diethelm Tschöpe, Direktor des Diabeteszentrums am HDZ NRW. "Sie tritt sehr häufig auf und kann für die Patienten sehr quälend und belastend sein. Sie frühzeitig zu erkennen, war bisher nicht möglich, da die Frühformen nicht nachweisbar waren oder durch die Patienten nicht wahrgenommen werden."
Die Hornhaut des menschlichen Auges weist den höchsten Innervierungsgrad auf, Schädigungen der Nervenstruktur im Auge können durch mikroskopische Verfahren nachgewiesen werden, unabhängig vom retinalen Netzhautbefund der Gefäßstruktur.
Die korneale konfokale Mikroskopie (CCM), die in den vergangenen Jahren durch Laser-Scanning deutlich verbessert werden konnte, wird angewendet, um die Hornhaut zu untersuchen, und zeigt in hochauflösenden Bildern des zugrunde liegenden Nervengeflechts der Hornhaut, dass schon bei Typ-2-Diabetikern, die anderweitig keinerlei Anzeichen einer Polyneuropathie aufweisen, die Dichte der Nervenfasern deutlich vermindert ist. Im Sinne eines Erkrankungsscreenings wird davon ausgegangen, dass der Zustand der Hornhautnerven für den Gesamtkörper repräsentativ ist und somit Rückschlüsse auf das übrige Nervensystem möglich sein könnten.
Dieses Bildgebungsverfahren ist daher geeignet, nicht nur das Auftreten der Polyneuropathie vorauszusagen, sondern auch eine Regeneration der Hornhautnerven im Verlauf der Therapie zu beobachten, und ist daher zur Diagnose, Prognose und zur Kontrolle von Therapieerfolgen in der frühen Erkrankungsphase einsetzbar.
"Mit diesem Konzept kann es gelingen, Neuropathie frühzeitig zu erkennen, um rechtzeitig eine intensive, pathophysiologisch begründete Behandlung einzuleiten und die Progression der Erkrankung zu verhindern", so Prof. Tschöpe. "In weiteren Studien in Zusammenarbeit mit der Augenklinik Minden prüfen wir jetzt, wie sensitiv und aussagekräftig dieses Verfahren in der klinischen Routine ist."


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