In diesem Berufsfeld von High- Performern zu sprechen, ist keine Übertreibung: Wem es wie Richard Taubert gelungen ist, parallel zur knapp sechs Jahre dauernden Facharztausbildung so erfolgreich geforscht zu haben, dass er mit 37 Jahren kurz davorsteht, sich zu habilitieren, hat einen Kraftakt hinter sich. "Man braucht mehr als nur Ehrgeiz", konzediert Taubert, der das Glück hatte, in einem der "Clinician Scientists-"Programme aufgenommen zu werden, die an immer mehr medizinischen Fakultäten eingerichtet werden. Er habe sein rasches Fortkommen auch dem "Junge Akademie"-Programm der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) zu verdanken, sagt der Facharzt für Innere Medizin rückblickend: "Für mich war das ein sicherer Hafen, in dem ich mir um meine Forschungsfreistellung keine Gedanken machen musste, weil ich die Rückendeckung des Präsidenten der MHH habe." Denn wer sich dafür entscheide, nach der Promotion forschender Kliniker zu werden, habe es in der Regel schwer: "Es ist wie in einem Irrgarten, in dem man sich die Finanzierung mühsam zusammensuchen muss." Für die eigene Karriere sei es deshalb oft unverzichtbar, sich an einer Klinik zunächst eine Art wissenschaftlichen Mentor zu suchen, in dessen laufendem Forschungsprojekt man mitarbeiten kann. "Um Erfahrungen zu sammeln, Publikationen zu erwerben, mit dem Ziel, selbst antragsfähig zu werden."

Wissenschaftlich tätige Mediziner wie der junge Arzt aus Hannover sind zwar für die klinische Forschung unverzichtbar, aber aufgrund der zunehmenden Arbeitsdichte schlagen immer weniger Ärzte diesen Weg ein. Daher empfahl die Ständige Senatskommission für Grundsatzfragen in der Klinischen Forschung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) 2015 den medizinischen Fakultäten ein größeres Angebot an Clinician Scientist-Programmen. "Wir brauchen für den (...) Nachwuchs attraktive, verlässliche und sichtbare Karrierewege sowie Anreize, die Forschung auch nach einer erfolgreichen Doktorarbeit weiterzuverfolgen", sagte Leena Bruckner-Tuderman, Vorsitzende der Senatskommission und Vizepräsidentin der DFG, bei der Veröffentlichung der Empfehlungen. Denn in Deutschland mangelt es zumeist noch an den Voraussetzungen, um als angehender Arzt parallel Erfahrungen in der Praxis und in der Wissenschaft sammeln zu können. "Das Problem besteht darin, dass die meisten Universitätskliniken keine konsequente Personalentwicklung betrieben haben", analysiert Duska Dragun, die das deutschlandweit größte BIH (Berlin Institute of Health) Charité Clinician Scientist Program als Wissenschaftlerin initiiert hat: das 2015 von der DFG als "Best-practice-Modell" geadelt und vom Wissenschaftsrat als "role model" allen medizinischen Fakultäten empfohlen wurde. "Wer Zeit fürs Forschen haben will, muss sich über die Beschaffung von Drittmitteln freikaufen", bringt Dragun eine Praxis auf den Punkt, die bis heute Normalität ist. "Wir an der Charité bieten eine Alternative", so Dragun.

Das Novum: Dort werden halbe Stellen in den Kliniken subventioniert, sodass keine Versorgungsengpässe entstehen. "So ermöglichen wir dem Nachwuchs, sich in der zweiten Hälfte der Facharztausbildung tageweise für Laborarbeiten und klinische Studien freistellen zu lassen. Und weil diese in den klinischen Alltag eingebettet sind, werden sie auch von der Berliner Ärztekammer anerkannt."

Eine weitere Hürde für Clinician Scientists ist der große Zeitaufwand, der mit der Doppelbelastung verbunden ist und mit Abstrichen im Privatleben verknüpft ist. Taubert: "Sehr vieles verdankt sich nach wie vor der Feierabendforschung. Wer in kurzer Zeit viel erreichen will, schafft das nur durch Mehrarbeit zu Hause: Es geht darum, Anträge zu schreiben, Literatur zu lesen und Daten auszuwerten. Dafür investiere ich in den letzten Jahren regelmäßig zwei, drei Stunden pro Abend, wenn die Kinder im Bett sind."

Wer eine Familie zu versorgen hat, dem fällt die Vereinbarung von Arbeit und Familie im klinischen Alltag ohnehin viel schwerer, wie Anke Lesinski-Schiedat (Jahrgang 1966), habilitierte Oberärztin von der HNOKlinik der MHH, erläutert: "Wir haben keine geregelten Arbeitszeiten, bekommen aber trotz Einwerbung von Drittmitteln keinen Cent mehr als Kollegen, die nur klinisch arbeiten. Das halte ich für verkehrt", sagt die Landesvorsitzende des niedersächsischen Hartmannbundes. "Ich fordere ein größeres Grundgehalt für uns Ärzte, damit wir es uns leisten können, unsere Kinder nicht in 24-Stunden Kitas geben zu müssen."

Vor dem Hintergrund, dass über die Hälfte der Studierenden weiblich ist und auch zunehmend Männer mehr Zeit für die Familie fordern, erscheinen die jüngst initiierten "Clinician Scientist-" Programme als notwendiger Auftakt für ein gesellschaftliches Umdenken, was neue Modelle rund um den Arbeitsalltag an Kliniken betrifft.


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