Seit Beginn der 1990er Jahre stagniert der Anteil des Schienenverkehrs an der gesamten Güterverkehrsleistung bei etwa 18 Prozent. Sämtliche Anstrengungen, diesen Anteil zu steigern, blieben erfolglos. Mit der Bahn können Güter aber – besonders auf langen Entfernungen – energieeffizienter transportiert werden als mit dem LKW. Eine Verlagerung von Transporten auf die Schiene ist deshalb interessant, um nationale Klimaschutzziele zu erreichen. Aber wie kann die Bahn wieder Marktanteile gewinnen? Welche Veränderungen sind notwendig und wo liegen Entwicklungshemmnisse? Diese Fragen untersucht Anika Lobig in einem interdisziplinären Team im DLR-Institut für Verkehrsforschung in Berlin.

Verlagerungspotenzial ausschöpfen

Es gibt bereits technische Innovationen und infrastrukturelle Maßnahmen, um Güterwagen und ihre Nutzung zu optimieren: Dazu gehören automatische Kupplungssysteme für eine schnellere Zugzusammenstellung, der Ausbau der Infrastruktur für eine zuverlässigere Betriebsführung und leistungsfähige Sensorik, um Ladungszustand und Transportverlauf durchgängig zu überwachen. Die Effekte solcher Maßnahmen sind für die Forscher allerdings schwierig zu quantifizieren, weil sie dabei verschiedene Wirkungen berücksichtigen müssen. Soll zum Beispiel die Energieeffizienz eines Güterzuges gesteigert werden, sind damit einerseits erhöhte Investitionskosten verbunden, etwa für aerodynamische Auskleidungen, andererseits werden durch die Senkung des Energieverbrauchs aber die Energiekosten reduziert. Anhand eines Verkehrsmittelwahlmodells untersucht Anika Lobig, um wie viel Prozent die Nachfrage nach einem Transport auf der Schiene steigt, wenn dessen Kosten um einen bestimmten Prozentsatz gesenkt werden oder die Transportdauer sich verringert. Dafür trifft sie plausible, empiriegestützte Annahmen, wie sich einzelne Kostenbestandteile und die Transportdauer prozentual verändern. Mithilfe des Modells kann sie die Auswirkungen verschiedener Maßnahmen auf den Schienengüterverkehr abschätzen und bezogen auf voraussichtliche Kosten und Nutzen vergleichen.

Foto: A. Wagenzik

Güterverkehrssystem von morgen

Technische Innovationen und Infrastrukturmaßnahmen reichen aber nicht aus. "Wir brauchen ein neues System, in dem LKW und Bahn beide ihre Vorteile besser ausspielen können", betont Anika Lobig. "Dabei orientieren wir uns an der Vision eines integrierten, ökologisch nachhaltigen Güterverkehrssystems, in dem jedes Transportmittel die Anforderungen von Klima- und Umweltschutz erfüllt, wirtschaftlich agieren kann und die energieeffiziente Schiene eine wichtige Rolle spielt." Der Weg dahin ist weit: Schienengütertransporte müssten zuverlässiger werden und der Güterumschlag insbesondere für kleine Sendungsgrößen effizient ablaufen. "Außerdem muss man bei der Entwicklung automatisierter Transportkonzepte im Güterverkehr unbedingt die Bahn mitdenken", erklärt die Wirtschaftsingenieurin. "Neben den Fahrprozessen bieten auch automatisierte Umschlagprozesse vielversprechende Zukunftsoptionen." Anika Lobig ist sich sicher: Das Potenzial für den Schienengüterverkehr ist groß – aber man muss es erst erschließen. Ihr Team arbeitet für diese Vision.

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