Wenn es nach Key Pousttchi geht, weht über den Campus Griebnitzsee der Universität Potsdam künftig ein Hauch von Silicon Valley. "Oder noch mehr als bislang. Denn mit dem Hasso-Plattner-Institut befindet sich auf dem Gelände der Universität bereits ein exzellentes Institut für unkonventionelle IT-Lösungen. Aber ab dem Wintersemester können Studierende neuerdings ›Digitale Transformation‹ studieren", sagt der Professor und Inhaber des SAP-Stiftungslehrstuhls für Wirtschaftsinformatik und Digitalisierung. Pousttchi hat den für eine Universität bislang einzigartigen Studiengang federführend konzipiert, und er reagiert damit auf die Veränderung tradierter Marktlogiken durch den digitalen Wandel. "Die Analyse vorhandener Daten führt zu einer vollständigen Änderung von Geschäftsmodellen. Für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft der Zukunft benötigen wir deshalb dringend fundiert ausgebildete Spezialisten, die wissen, wie sie mit der Flut an Daten umgehen können", ist der ehemalige Offizier der Bundeswehr überzeugt.

Wenn der Roboter Tomatensoße auf dem Teig verteilt, sind die Bewegungen noch sehr abrupt. Die Pizza schmeckt trotzdem schon heute ganz gut.

Seit ungefähr im Jahr 2002 das erste Mal mehr Informationen digital als im Analogformat gespeichert wurden, sprechen Wissenschaftler vom digitalen Zeitalter. Mit der Markteinführung des ersten iPhones 2007 griff die Technologie des Smartphones um sich und revolutionierte global die Kommunikation. Heute sind weltweit mehr als 20 Milliarden Geräte und Maschinen über das Internet verbunden – bis 2030 werden es rund eine halbe Billion sein. Die digitale Vernetzung wird das Leben in den Städten künftig immer weiter verändern, bestätigt Chirine Etezadzadeh. Die Volkswirtin erforscht mit dem von ihr gegründeten SmartCity.institute, wie sich Städte künftig in den Bereichen Energie, Mobilität und Stadtgestaltung entwickeln. "Die Stadt der Zukunft ist eine vernetzte Stadt, die sich die Vorzüge der Digitalisierung zunutze macht", ist Etezadzadeh überzeugt. "Zahllose Objekte vom Straßenbelag über die Straßenlaterne bis hin zu Gegenständen unseres Alltagslebens werden in die Lage versetzt, Informationen über sich, ihren Zustand und ihr Umfeld auszutauschen. Dadurch werden unzählige Daten verfügbar, durch deren sinnvolle Aufbereitung die Menschen ihr Handeln optimal auf die Gesamtlage abstimmen könnten", so Etezadzadeh. Wearables, also am Körper zu tragende Mini-Computer, sowie App-basierte Geschäftsmodelle treiben die Digitalisierung in der Medizinbranche voran. Anwendungen für das Smartphone sollen beispielsweise dabei helfen, Depressionen zu erkennen oder Diabetiker über ihren Bedarf an Insulin zu informieren. Die digitale Vermessung des Menschen ist nützlich, ruft jedoch die Frage nach dem Datenschutz auf. Denn einige Apps übermitteln die gesammelten Daten an Dritte, und theoretisch wäre es möglich, Gesundheitsprofile einzelner Menschen zu erstellen und diese im Geschäftsverkehr oder Versicherungswesen ohne Wissen der Nutzer zu verwenden. Im Straßenverkehr hingegen revolutionieren Car- und Bike-Sharing-Apps die Fortbewegung der Menschen durch die Möglichkeit eines kurzzeitigen Anmietens von Fahrzeugen.

Klaus Dietmayer bewältigt seinen Weg zur Arbeit an der Universität Ulm häufig zu Fuß. Trotzdem forscht der Direktor des Instituts für Mess-, Regel- und Mikrotechnik der Universität Ulm seit über 15 Jahren an chauffeurlosen Autos. "Unser Institut verfügt über zwei umgebaute Testfahrzeuge, die auf bestimmten Strecken in Ulm selbstständig fahren, lenken und bremsen. Unser Ziel ist, die Fahr- zeuge komfortabler und sicherer zu machen", sagt der Sprecher des Forschungszentrums für hochautomatisierte Fahrerassistenzsysteme und Fahrfunktionen. Dafür müssen die Testfahrzeuge in alltäglichen Verkehrssituationen zahlreiche Daten sammeln. Möglich ist dies durch eingebaute Kameras, Radare und GPS-Lokalisierung. "Das Auto erhält dadurch ein genaues Bild seiner Umgebung, und im Fahrzeug eingebaute Computer können darauf aufbauend sichere Manöver planen", führt Dietmayer aus. Selbstfahrende Autos gehören in der nahen Zukunft vermutlich nicht zum Alltag in den Städten. Realistisch, so Dietmayer, sind zeitnah vollautomatisierte Parksysteme, bei denen Fahrzeuge in Garagen selbstständig einen Parkplatz suchen und sich in die Lücke setzen, sowie automatisiertes Fahren auf der Autobahn.

In smarten Fabriken der Automobilindustrie gehören Roboter bereits zum Alltag. Sie schweißen Stahlteile zusammen und montieren Getriebewellen oder Kupplungsringe. Am Institut für Künstliche Intelligenz (IAI) der Universität Bremen hingegen tüfteln Wissenschaftler an einer intelligenten Kooperation zwischen Mensch und Roboter. Auf dem Gelände des Bremer Technologieparks haben sie hierfür eine Versuchsküche aufgebaut, aus der es an manchen Tagen nach Pizza duftet, an anderen nach Popcorn – je nachdem, was die Roboter Boxy und PR2 gerade kochen. Denn das Zubereiten dieser Speisen ist es, was die Forscher um Institutsleiter Michael Beetz den Maschinen mit Kameraaugen und menschlichen Körperproportionen beibringen. "Nach einer Tasse zu greifen, läuft für uns Menschen unbewusst ab", fasst der promovierte Diplom-Informatiker zusammen.

"Es ist aber ein hochgradig komplexer Vorgang, bei dem eine Vielzahl von Entscheidungen getroffen werden muss: Wo muss ich stehen, um nach einer Tasse zu greifen? Mit wie viel Kraft und in welchem Winkel halte ich das Objekt? Wie transportiere ich die Tasse?"

Vor dem Hintergrund der Künstlichen Intelligenz muss der Begriff der Digitalisierung insofern erweitert werden, als dass es nicht um das Erfassen sprachlicher Einheiten geht, sondern um das Füttern der Betriebssysteme mit alltäglichen Bewegungen. Hinter dem Beibringen von vermeintlich einfachen Tätigkeiten steht ein großes Ziel: "Unsere Service-Ro- boter sollen den Menschen in der Zukunft das Leben erleichtern – beispielsweise damit ältere Menschen möglichst lange in den eigenen vier Wänden leben können, und zwar auch dann, wenn sie nicht mehr je- den Handgriff selbst verrichten können", fasst Michael Beetz zusammen.

Smarte Roboter, selbstfahrende Autos, vorausschauende Diagnostik: Das digitale Zeitalter schreitet voran, und sein kostbarer Rohstoff, die Daten, wird Wissenschaftler in der ganzen Welt auch weiterhin beschäftigen. Beste Voraussetzungen für den kreativen Nachwuchs an den Hochschulen, die Technologien und Auswirkungen der Digitalisierung zu erforschen.