Wie kamen Sie dazu, sich mit dem Management von Forschungsverbünden zu beschäftigen?
Das CHE vergleicht jährlich Deutschlands Hochschulen und veröffentlicht seine Ergebnisse in einem Ranking. Für dieses Ranking messen wir beispielsweise Forschungsaktivitäten, indem wir uns die Anzahl der Promotionen oder die Höhe der Drittmittel anschauen. Beides funktioniert bei Fachhochschulen nicht wirklich: Das Promotionsrecht fehlt, und im Vergleich zu den Unis sind die Einnahmen über Drittmittel verschwindend gering. Wir hatten trotzdem den Eindruck, an den Fachhochschulen findet mehr Forschung statt, als wir messen können – und diese Lücke wollten wir füllen.

Sie haben für Ihr Projekt unter anderem mit 40 Fachhochschul- Professorinnen und –Professoren gesprochen. Was haben Sie in Bezug auf die Forschung an Fachhochschulen herausgefunden?
Die Fachhochschulen wollen sich einerseits breiter aufstellen und spezialisieren sich andererseits sehr stark. Einige neuere Disziplinen wie die Pflegeoder Hebammenwissenschaften sind bisher fast nur an Fachhochschulen verortet, und wenn sich die Fachhochschulen nicht um die wissenschaftliche Weiterentwicklung der Fächer kümmern, macht es niemand. Abgesehen davon ist spätestens seit der Bologna-Reform die Forschung eine wichtige Dienstaufgabe der Fachhochschulen. Denn das Master-Studium muss zumindest einen kleinen Anteil eigener Forschung enthalten. Forschungsstarke Fachhochschulen gehen aber darüber weit hinaus. Sie haben die Forschung zu einem strategischen Ziel erklärt.

Was ist damit gemeint?
Dass es inzwischen einige Hochschulen gibt, die eine regelrechte Forschungsstrategie entwickeln: Sie ernennen beispielsweise einen Vizepräsidenten für Forschung und Transfer. Sie gründen zentrale Forschungseinrichtungen oder bauen Labore. Sie reduzieren Lehrdeputate oder richten, etwa in Niedersachsen, Forschungsprofessuren ein, bei denen die Lehrenden mit acht Semesterwochenstunden nur so viel unterrichten wie ein Dozent an der Universität. Eine Hochschule, die wir befragt haben, hat etwa gesagt, dass sie keine Professoren mehr beruft, die keinen Forschungshintergrund haben.

Warum ist Forschung für Fachhochschulen so enorm wichtig geworden?
In den vergangenen 15 Jahren wurden in Deutschland 70 neue Fachhochschulen gegründet, darunter viele private Einrichtungen mit unterschiedlichen regionalen Standorten. Die Studierendenzahlen haben sich außerdem auf etwa eine Million verdoppelt. Wenn es darum geht, Lehrende, Studierende oder Drittmittel anzuwerben, konkurrieren die Fachhochschulen nicht nur mit den Universitäten, sondern auch untereinander. Die Perspektive, auch forschen zu können, kann ein großer Wettbewerbsvorteil sein.

Mit der Forschung rückt auch die sogenannte "Third Mission" ins Blickfeld. Was ist die dritte Mission?
In unserer Definition hat die Third Mission immer mit den Kernaufgaben der Hochschule zu tun, also mit Lehre als erster und Forschung als zweiter Mission. Als dritte Mission kommt nun die wechselseitige Vernetzung von Hochschule, Wirtschaft und Gesellschaft dazu. Hochschulmitarbeiter betreiben dann Forschung und Lehre in Kooperation mit Akteuren aus Gesellschaft, Wirtschaft und Politik, oft aus der Region. Etwa wenn sie ein Forschungsprojekt zusammen mit einem Kindergarten oder
einem Wirtschaftsunternehmen durchführen und dafür mit Externen zusammenarbeiten. Im besten Fall verändern sie die Region nachhaltig.

Haben die Fachhochschulen durch diese Third Mission einen Heimvorteil?
Letztlich schon, denn an den Hochschulen für Angewandte Wissenschaften hat im Grunde jedes Fach einen Bezug zur konkreten Anwendung. Das prädestiniert die Hochschulen aus unserer Sicht für die Third Mission.

Wie stark ist das Thema Third Mission denn tatsächlich bei den Fachhochschulen angekommen?
Das ist ausbaufähig. Wir haben ein ausgeprägtes Third-Mission-Profil nur bei neun Prozent aller Institutionen gefunden. Aber in einzelnen Bereichen der Third Mission sind viele aktiv.

Wie können die Fachhochschulen verstärkt an der dritten Mission arbeiten?
Bund und Länder haben im Mai 2016 die Förderlinie "Innovative Hochschule" ausgeschrieben für Fachhochschulen und kleine und mittlere Universitäten – und die zielt ganz genau auf die Third Mission, die Verzahnung der Fachhochschule mit dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben in der Region. Bis Mitte Februar müssen die Anträge eingereicht werden, und mindestens die Hälfte der Hochschulen ist gerade dabei, sich für die Ausschreibung mit dem Thema zu beschäftigen.