Wir wischen, tippen, zoomen, schieben und wählen – ohne eine einzige Taste zu drücken. Touchscreens sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Ihre Bedienung ist so intuitiv, dass schon Kleinkinder wissen, wie es geht. Ein Manko bleibt. Die sensiblen Displays reagieren oft nur bei direktem Hautkontakt. Vor allem im Winter ein Problem. Wer will schon jedes Mal die Handschuhe ausziehen, um einen Anruf anzunehmen? Dabei könnte alles so einfach sein. Der Physiker Prof. Dr. Gerhard Lindner hat eine Lösung. Am Institut für Sensor- und Aktortechnik (ISAT) der Hochschule Coburg forschen Wissenschaftler an einem Phänomen, das in der Natur Angst und Schrecken verbreitet, in kleinem Maßstab aber neue haptische Dimensionen eröffnet: mikroakustische Oberflächenwellen. Eine Technik, die es nicht nur möglich macht, Smartphone, Tablet und Co. mit Handschuhen zu bedienen.

Auch Metall, Keramik oder stark gekrümmte Oberflächen lassen sich durch Berührung steuern. "Aus einer kleinen Nische hat sich für uns ein vielfältiges Anwendungsgebiet eröffnet", sagt Lindner. Die Wissenschaftler nutzen dazu Erkenntnisse aus der Erdbeben-und Tsunamiforschung. Mithilfe von Schall lösen sie auf der Materialoberfläche Mini-Erdbeben aus. Bei Berührung verändern sich diese Wellen, werden kleiner und transportieren so das Signal weiter. Das Team um Lindner arbeitet derzeit an Lösungen für die Medizin- und Biotechnikbranche, aber auch für Küchenhersteller und Sanitärbetriebe. Dunstabzugshauben, Fliesen, Fensterscheiben: "Die Menschen erwarten in Zukunft, solche Elemente berührungssensitiv bedienen zu können. Die Zeit der Schalter und Tasten ist vorbei. "Doch die Forschung hat nicht nur den Komfort im Fokus. Berührungssensitive Badfliesen zum Beispiel können Leben retten. Stürzt jemand, lösen die Bodenfliesen einen Alarm aus. Mikroakustische Wellen lassen sich aber auch in anderen Bereichen einsetzen. Beispielsweise um Flüssigkeiten zu bewegen, ohne mechanische Pumpen einzubauen. Oder, um Gemische auf akustischem Weg zu trennen. Die Wellen können sogar die Ladezeit von Akkus verkürzen. Entscheidend für den Erfolg der Energiewende. Der Impuls zur Forschung im ISAT kam aus der Industrie. Bei ihrer Suche nach Lösungen für einen Einklemmschutz stießen die Coburger Wissenschaftler auf die mikroakustische Sensorik und Aktorik. Heute arbeiten Physiker, Elektroingenieure, Informatiker, Biologen, Chemiker und Designer in interdisziplinären Teams in der angewandten Forschung. Sie stoßen dabei aber auch auf Phänomene, für die es noch gar keine Erklärungen gibt, und betreiben Grundlagenforschung.

Bei ihren Projekten stehen sie in engem Austausch mit Professoren anderer Fakultäten sowie Instituten in und außerhalb der Hochschule. "Das geht so weit", sagt Lindner, "dass bei unseren wöchentlichen Besprechungen ein Mitarbeiter des Coburger Fraunhofer-
Anwendungszentrums Drahtlose Sensorik mit am Tisch sitzt." In der Technologie-AllianzOberfranken (TAO) arbeitet das ISAT mit Forschern der anderen oberfränkischen Hochschulen zusammen. Mit Prof. Dr. Maria Kufner ist kürzlich ein neues Forschungsfeld eingezogen. Gemeinsam mit Lindner leitet die Physikerin und habilitierte Informatikerin das Institut. Sie beschäftigt sich mit Mikrooptik
– also winzig kleinen Lichtwellen. Im jüngsten Projekt sollen diese eingesetzt werden, um den Alterungszustand von Brücken digital zu erfassen und zu überwachen.