SHIP - das umfangreichste Untersuchungsprogramm der Welt

Die Community Medicine (CM) ist ein zentraler Forschungsschwerpunkt der Universitätsmedizin Greifswald. Zu diesem Verbund fanden sich 1995 Wissenschaftler aus Instituten und Kliniken der Universität zusammen. Ihr Ziel war und ist die Erforschung des Gesundheitszustandes der vorpommerschen Bevölkerung, um neue Erkenntnisse zur Entstehung von Krankheiten zu gewinnen und neue Strategien der Gesundheitsvorsorge, Diagnostik und Therapie zu entwickeln.

Die Study of Health in Pomerania (SHIP) ist das Kernstück des vom BMBF maßgeblich geförderten Forschungsschwerpunktes Community Medicine. In dieser umfassenden Studie mit zwei Kohorten werden Prävalenz und Inzidenz bevölkerungsrelevanter Risikofaktoren und Erkrankungen in Nordostdeutschland untersucht und die komplexen Zusammenhänge zwischen Risikofaktoren, subklinischen Auffälligkeiten und manifesten Erkrankungen aufgeklärt. Das Besondere dabei ist, dass SHIP nicht auf eine Erkrankung fokussiert, sondern Gesundheit und Krankheit in ihrer größtmöglichen Komplexität abbilden möchte.

Für die erste SHIP-Kohorte wurde eine Bevölkerungsstichprobe von mehr als 4.300 Teilnehmern im Alter von 20 bis 79 Jahren rekrutiert. Rund 70 Prozent der Angeschriebenen kamen zwischen 1997 und 2001 zu den Basisuntersuchungen. Mit jeweils fünfjährigem Abstand folgten drei weitere Untersuchungswellen. Zwischen 2008 und 2012 fanden die Basisuntersuchungen für die zweite Kohorte, SHIP-Trend, statt. Derzeit läuft die erste Follow-up-Untersuchung.

SHIP legt besonderen Wert auf die umfassende Charakterisierung durch nichtinvasive Untersuchungsverfahren und ist mittlerweile die Bevölkerungsstudie mit dem weltweit umfangreichsten Untersuchungsprogramm. Neben gut etablierten Methoden wie Interview, Blutdruckmessung oder EKG werden hochinnovative Verfahren wie Spiroergometrie, Bodyplethysmografie oder Schlaflaboruntersuchungen angewendet. Als erste umfassende Bevölkerungsuntersuchung werden die Teilnehmer im Ganzkörper-MRT untersucht. Aus allen Untersuchungswellen liegen ebenfalls umfangreiche Biomaterialsammlungen vor, die intensiv für Biomarkerforschung genutzt werden. So sind beide Kohorten vollständig genomweit charakterisiert, und es liegen Informationen aus Metabolom-, Transkriptom- und Proteomanalysen vor.

Mittlerweile erscheinen pro Woche zwei bis drei auf SHIP-Daten beruhende Publikationen in internationalen Fachzeitschriften. "Ein großes Plus des Verbundes ist, dass Fachbereiche verschiedener Fakultäten der Universität zusammenarbeiten. Wir können als Wissenschaftler nach den aufwendigen Untersuchungen im Rahmen der Studien auf einen ungeheuren Datenschatz zurückgreifen. So verfügen wir beispielsweise über schätzungsweise 300 Milliarden genetische Daten und 30 Millionen MRT-Bilder", erklärt der Leiter der Studie Prof. Dr. Henry Völzke von der Universitätsmedizin Greifswald.

GANI_MED – in großen Schritten zur Individualisierten Medizin

Die medizinische Versorgungsforschung an der Universität Greifswald nutzt die Daten aus den Gesundheitsstudien, um regionalisierte, zukunftsorientierte und praktikable Lösungen für die medizinische Versorgung der Bevölkerung zu entwickeln. Zu den großen Herausforderungen gehören dabei der demografische Wandel, Multimorbidität, Nachwuchsprobleme bei Ärzten und unflexible Sektorengrenzen, so zum Beispiel zwischen ambulanter und stationärer Behandlung. Die Abteilung Versorgungsepidemiologie & Community Health befasst sich hier unter anderem mit Analysen und Prognosen der Morbidität und des Versorgungsbedarfs der Bevölkerung, mit der Entwicklung von innovativen sowie sektorenübergreifenden und regionalisierten Versorgungs- und Präventionsmodellen.

SHIP spielt auch für ein zukunftsorientiertes Projekt zur individualisierten Medizin eine wichtige Rolle. Mit dem Greifswald Approach to Individualized Medicine (GANI_MED) Konsortium wurden SHIP-Prozeduren der Standardisierung, Qualitätssicherung und des Datenmanagements in die klinische Routine überführt. Damit sind die Patientendaten, die im Rahmen von GANI_MED erhoben werden, mit den Daten der SHIP-Studie vergleichbar. Hinter dem Begriff der "individualisierten Medizin" steht die Idee, durch moderne Diagnoseverfahren und individuell auf den einzelnen Patienten ausgerichtete Therapieverfahren Erkrankungen effizienter zu behandeln. Voraussetzung ist dabei die Definition von Markern und Markerprofilen, mit denen individuelle Erkrankungsrisiken und die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung abgeschätzt werden können. Hier erweisen sich die in Greifswald erhobenen Daten als wahrer Schatz.

Der Forschungsverbund Community Medicine ist maßgeblich an der Gesundheitsstudie NAKO-Gesundheitsstudie (NAKO) beteiligt, bei der 200.000 Teilnehmer in verschiedenen Regionen Deutschlands rekrutiert und untersucht werden. Die Expertise in der Gewinnung hochwertiger Bevölkerungsdaten zur Gesundheit wird zunehmend auch international nachgefragt. So startete vor einem Jahr die erste Schwesterstudie im brasilianischen Blumenau, wo mittlerweile rund 1.500 Probanden nach Greifswalder Standards untersucht wurden. Die zweite Schwesterstudie wird in diesem Herbst im polnischen Bialystok an den Start gehen.


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