Prof. Michael Succow, der Träger des Alternativen Nobelpreises, hat vor rund 25 Jahren damit begonnen, die Themen Naturschutz, Klimawandel und Umweltveränderungen auf die wissenschaftliche Agenda der Universität Greifswald zu setzen. Über die Jahre hat sich daraus der interdisziplinäre Forschungsschwerpunkt ECRA (Environmental Change: Responses and Adaptation) entwickelt. Er verknüpft und integriert in einem für Deutschland einmaligen Ausmaß Natur- und Geisteswissenschaften im Bereich der ökologischen Umweltforschung. Dies erstreckt sich von den ökologischen Arbeitsgebieten, über die Geowissenschaften, die Mathematik, Umweltphysik bis zur Ökonomie, der angewandten Ethik und der Rechtswissenschaft. Im Fokus stehen die Anpassung von Arten und Ökosystemen an sich ändernde Umweltbedingungen, die nachhaltige Nutzung von Naturressourcen, Landschaftsentwicklung und der innovative Einsatz von Georessourcen im Umweltmanagement.

Fledermäuse in Deutschland, Bäume im Klimaexperiment und Sonnentau auf wiedervernässten Mooren sind drei Beispiele für die Vielfalt der Themen, die innerhalb des Forschungschwerpunktes untersucht werden.


Fledermäuse gehören zu den gefährdetsten einheimischen Säugetieren
Wie reagieren sie auf sich ändernde Umweltbedingungen?

Fledermäuse sind eigentlich ein Erfolgsmodell der Evolution. Seit über 50 Millionen Jahren beherrschen sie als einzige Ordnung der Säugetiere den aktiven Flug und die meisten ihrer Arten können sich zudem mit Hilfe von Echoortung auch bei völliger Dunkelheit orientieren. Ihre einzigartigen Anpassungen haben es ihnen erlaubt, weltweit eine Vielzahl ökologischer Nischen zu besetzen. "Allerdings sind viele Fledermausarten heute bedroht, sowohl in den Tropen als auch in den gemäßigten Breiten. Die zunehmende Vernichtung ihrer Lebensräume, insbesondere aufgrund von intensiver menschlicher Landnutzung, setzt ihnen dabei besonders zu. Im Rahmen des DFG-geförderten Graduiertenkollegs Response untersuchen Forscherinnen und Forscher des Zoologischen Instituts der Universität Greifswald in zwei Projekten, wie einheimische Fledermäuse auf sich verändernde Umweltbedingungen reagieren", erklärt Prof. Dr. Gerald Kerth, Leiter der Arbeitsgruppe Angewandte Zoologie und Naturschutz.

Im ersten Projekt stehen die Umweltfaktoren, welche das Überleben von Fledermauspopulationen bestimmen, im Fokus. In Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Demographische Forschung in Rostock untersuchen die Greifswalder Forscher, welche Faktoren die Sterblichkeit der erstaunlich langlebigen Tiere – viele einheimischen Fledermausarten erreichen ein Höchstalter von mehr als 20 Jahren – am stärksten beeinflussen. In einer kürzlich in der Zeitschrift Scientific Reports veröffentlichten Studie konnten sie beispielsweise zeigen, dass es seltene katastrophale Populationszusammenbrüche sind, welche die langjährige Bestandsdynamik der in Deutschland gefährdeten Bechsteinfledermaus bestimmen. Solche für den Artenschutz wichtigen Einsichten lassen sich bei langlebigen Arten nur mit Hilfe von Langzeitdaten von individuell markierten Tieren gewinnen. Dies unterstreicht die enorme Bedeutung wissenschaftlicher Langzeitstudien für den angewandten Naturschutz.

Im zweiten Projekt wird in enger Kooperation mit Naturschützern und Fledermausforschern in Thüringen erforscht, welche Landschaftsfaktoren die Wiederbesiedlung der in Deutschland bis vor wenigen Jahren kurz vor dem Aussterben stehenden Kleinen Hufeisennasenfledermäusen begünstigen. Dazu setzen die Forschenden moderne populationsgenetische Methoden ein, um individuelle Fledermäuse anhand ihrer DNA – welche zuvor aus dem Kot der Tiere isoliert wurde – zu identifizieren. Der Kot wurde dabei von den Forschenden mit Unterstützung lokaler Naturschützer in den Tagesquartieren der Fledermäuse gesammelt. Auf diese Weise lassen sich die Abwanderung individueller Tiere aus etablierten Fledermauskolonien und die Ansiedlung neuer Kolonien auf Dachböden rekonstruieren, ohne dass die Fledermäuse in ihren Quartieren gefangen werden müssen. Auch hier sind es moderne wissenschaftliche Methoden, welche entscheidende Daten für den angewandten Naturschutz liefern.

Alle machen mit: Die Fledermaus als Objekt von Citizen Science

Beide Projekte zeigen, dass wissenschaftliche Forschung und angewandter Naturschutz kein Gegensatz sind, sondern sich gegenseitig befruchten. Die Greifswalder Forscher gehen nun mit ihrem kürzlich gestarteten Citizen Science Projekt (www.fledermausfun.de) noch einen Schritt weiter. Mit Förderung durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) bauen sie derzeit ein online-basiertes Forschungs- und Naturschutzportal auf, bei dem Bürgerinnen und Bürger aller Altersstufen, von Kindern angefangen, an der wissenschaftlichen Forschung und dem Schutz einheimischer Fledermäuse aktiv mitwirken können. Dazu sammeln die Greifswalder Forscher in Zusammenarbeit mit dem in Mecklenburg-Vorpommern gelegenen Naturpark "Nossentiner/Schwinzer Heide" Daten zu den dort vorkommenden Fledermäusen und stellen diese Daten interessierten "Hobbyforschern" zur Auswertung online zur Verfügung. Die so erzielten Ergebnisse dienen unmittelbar dem Naturschutz im Naturpark und fließen zudem in die Kindergärten und Schulen in ganz Deutschland online zur Verfügung gestellten Unterrichtsmaterialien ein. Ziel dieses innovativen Projektes ist es, über die Möglichkeit zum aktiven Mitwirken die Bedeutung wissenschaftlicher Naturschutzforschung einer breiten Öffentlichkeit nahezubringen.