Prof. Dr. Maren Möhring ist seit 2014 Professorin für Vergleichende Kultur- und Gesellschaftsgeschichte des modernen Europa an der Universität Leipzig. Sie erforscht den Wandel der Ess- und Ernährungskultur und damit wichtige Ursachen von Übergewicht und Adipositas. In ihrer Dissertation befasste sich Maren Möhring mit der Körperbildung in der deutschen Nacktkultur zwischen 1890 und 1930, in ihrer Habilitation arbeitete sie die Geschichte der ausländischen Gastronomie in der Bundesrepublik Deutschland auf. Prof. Dr. Maren Möhring ist unter anderem Mitbegründerin und Herausgeberin der Online-Zeitschrift "Body Politics. Zeitschrift für Körpergeschichte" und aktuell im interdisziplinären Forschungsverbund "Ernährung, Gesundheit und soziale Ordnung in der Moderne: Deutschland und die USA im Vergleich" aktiv. Im Interview spricht sie über ihre Forschungsinteressen, den Wandel von Ernährungsgewohnheiten und die soziale Dimension des Essens.

Welche Aspekte sind für Sie als Kulturwissenschaftlerin am Thema Ernährung relevant?
Wir interessieren uns dafür, wie sich Ernährungsformen ändern, beispielsweise durch neue ernährungswissenschaftliche Erkenntnisse. Das können aber auch bestimmte Konsumtrends und Moden sein. Uns interessiert der historische Wandel in diesen Ernährungsweisen, sozusagen der soziale und kulturelle Aspekt, der unserer Ernährung zugrunde liegt. Ein wichtiger Beitrag der Sozial- und Kultur-wissenschaften auf diesem Gebiet ist es auch, unser Essverhalten vor dem Hintergrund der sozialen Ungleichheit zu betrachten: Welche Auswirkungen haben Einkommen und sozialer Status auf die Körperform? Wer hat überhaupt Zugang zu gesunden Lebensmitteln? Studien zeigen, dass gerade Menschen mit geringem Einkommen adipös sind. Zugleich beobachten wir in diesem Zusammenhang, dass auch Menschen mit Migrationshintergrund häufiger übergewichtig sind.

Gibt es noch weitere gesellschaftliche Komponenten in dieser Beziehung?
Ein wichtiger Aspekt ist die Klärung der Frage, warum wird Übergewicht eigentlich zum Problem und wann ist es in unserer Gesellschaft zu einem Problem geworden. In Westeuropa und den USA leben die Menschen in einer Massenkonsumgesellschaft, einer sogenannten Überflussgesellschaft. Hier hat sich das heutige Schlankheitsideal schon Ende des 19. Jahrhunderts etabliert. Nahrung ist nun bei uns ausreichend vorhanden und wird zum neuen Distinktionsmerkmal: Wer ist nun in der Lage diszipliniert damit umzugehen und kann sich beschränken? Das ist der neue Ausweis für Erfolg. Damit verbunden sind heutzutage gewisse moralische Implikationen. Es herrschen negative Stereotype vor, wie Dicke sind faul, sie sind nicht selbstdiszipliniert usw. Auch diese negativen Bewertungen und  Stigmatisierungen untersuchen wir daraufhin, was das für das Leben dieser Menschen bedeutet.