Ein ehemaliger Finanzminister hat eben auch noch Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem Amt alle wichtigen Zahlen präsent. "Durchschnittlich werden pro Jahr rund 250 Milliarden Euro an privatem Vermögen vererbt. Aber nur fünf Milliarden, also zwei Prozent davon, fließen in Form von Erbschaftsteuer den Ländern zu", wundert sich Peer Steinbrück. Dies sei Ausdruck einer nach wie vor bestehenden Verteilungsungerechtigkeit. "Wie wäre es, wenn wir das Aufkommen aus der Erbschaftsteuer erhöhten und damit den Sprachunterricht für jene förderten, die zu uns kommen?", schlug der Sozialdemokrat vor.

Flüchtlinge und Volkswagen

Natürlich: Auch beim Event zum 50-jährigen Jubiläum der ING-DiBa in der Frankfurter Alten Oper wurde ein Thema angesprochen, dass dieser Tage ganz Europa beschäftigt – der anhaltende Flüchtlingsstrom und wie Staaten wie Deutschland damit umgehen sollen. Im Gespräch mit dem langjährigen Chefredakteur von "Spiegel" und "Süddeutscher Zeitung", Hans-Werner Kilz, sprach Peer Steinbrück über Zuwanderung, den Zustand der Banken, seine Zeit als Minister während der Finanzkrise, über die Bundeskanzlerin und die VW-Abgasmanipulationen. Das Gespräch bildete den Auftakt zur Verleihung des Helmut Schmidt Journalistenpreises, der von der ING-DiBa in diesem Jahr zum 20. Mal ausgeschriebenen wurde.

Roland Boekhout: Der Vorstandsvorsitzende der ING-DiBa sieht die Digitalisierung als Herausforderung
Das Verhältnis von Banken zu FinTechs wird aus meiner Sicht ein symbiotisches sein.
Roland Boekhout

Ja, Deutschland müsse angesichts der demografischen Entwicklung "Einwanderung erfahren", betonte Steinbrück. Insofern finde er die Politik der Bundeskanzlerin auch richtig. Doch mit der oft strapazierten "Willkommenskultur" allein sei es nicht getan. Es gelte vielmehr, Verantwortung aus sittlicher Überzeugung zu übernehmen. "Ich muss doch auch in der Praxis mit dem Problem fertig werden. Hier fehlt mir etwas."

Merkels "elegante Volten"

Angela Merkel sei "begriffsschnell, diskret und machtorientiert", neige aber mitunter zu "eleganten Volten", wie zum Beispiel in der Energiepolitik. Ganz gleich, wie man zur Kernenergie stehe, Tatsache sei, dass die abrupte Energiewende nach Fukushima zu erheblichen Konsequenzen geführt habe. "Unverkennbar befindet sich die deutsche Energiewirtschaft in schwierigem Fahrwasser", sagte der frühere nordrhein-westfälische Ministerpräsident.

Digitalisiertes Banking

Auch die Finanzbranche sieht Steinbrück noch nicht ganz auf der sicheren Seite: "Die Risiken sind nicht alle verschwunden. Zum Teil verschwanden sie nur in einem Schattenbankenbereich." An den Diesel-Abgasmanipulationen bei VW schockiert Steinbrück die "Ignoranz der Vorsätzlichkeit". Vorfälle wie bei Volkswagen oder der Fifa sendeten falsche Signale an die Gesellschaft, kritisierte Steinbrück.

Gleich zu Beginn des Jubiläums-Events war der ING-DiBa Vorstandsvorsitzende Roland Boekhout der Frage nach der Bank von morgen nachgegangen. Die Digitalisierung werde die Branche noch stärker revolutionieren als die Finanzkrise, betonte der CEO. "Wer davor die Augen verschließt, verschläft die Zukunft."

Die Digitalisierung sei ein dynamischer Prozess. Was heute noch state-ot-the-art sei, könne sich schon morgen als Nostalgie-Banking erweisen. In den zahlreichen neu gegründeten Finanztechnologie-Unternehmen (FinTechs) sieht Roland Boekhout eher Partner als unmittelbare Konkurrenten: "Das Verhältnis von Banken zu FinTechs wird aus meiner Sicht ein symbiotisches sein."

Verschenkte Medieninhalte

Die Digitalisierung stellt auch die Medienbranche vor neue Herausforderungen. Das wurde in einer Gesprächsrunde mit Peer Steinbrück, Hans-Werner Kilz und Moderatorin Susanne Holst deutlich. "Sicher wurden in den Medienhäusern Fehler begangen.

Zum Beispiel, dass man kostspielige Inhalte im Internet verschenkte. So hätte kein Kaufmann gehandelt", stellte Kilz dabei fest. Ein ganz praktisches Indiz für die Qualität der Printmedien steuerte während der anschließenden Preisverleihung das Jurymitglied Frank-B. Werner bei: Bei den eingereichten Arbeiten sei bislang noch kein Stück aus dem Online-Bereich dabei gewesen, dessen Qualität jener der Beiträge aus den anderen Medien entsprochen habe.