"Der Mensch ist ein Dauernörgler", klagt Steven Pinker, Professor für Psychologie an der Harvard University und laut "Time Magazine" einer der 100 einflussreichsten Menschen in der heutigen Welt. Mit "Aufklärung jetzt" legt er ein flammendes Plädoyer gegen die düsteren Zustandsbeschreibungen vor, die uns täglich erreichen: "Ich werde ein anderes Verständnis der Welt präsentieren, das auf Fakten beruht und von den Idealen der Aufklärung inspiriert wurde – von Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt."

Das mag auf den ersten Blick ungewöhnlich klingen in einer Zeit, in der ein Einzelner per Knopfdruck ganze Länder auslöschen kann, wir uns vom Terrorismus bedroht fühlen und Trolle im Internet ihrem Hass freien Lauf lassen. Doch der kanadische Psychologe lässt sich nicht von täglichen Nachrichten beeinflussen, schließlich weiß er, dass der Mensch die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses danach einschätzt, wie leicht er sich Beispiele dafür ins Gedächtnis rufen kann. Mit anderen Worten: Je mehr Horrorszenarien wir im Kopf haben, desto überzeugter sind wir, schon bald Opfer eines solchen Ereignisses zu werden.

Schieben wir also unsere persönlichen Alpträume beiseite und widmen uns "Aufklärung jetzt", diesem großen Wurf, der die gesamte Entwicklung der Menschheit beleuchtet. Die im 18. Jahrhundert einsetzende Aufklärung, also die Zeit, in der der Mensch - frei nach Kant - den Mut fand, seinen Verstand zu nutzen, ist für den renommierten Autor der größte Wendepunkt der Geschichte. Sie bildet nicht nur die Grundlage für die Wissenschaft, sondern auch für Humanismus und Liberalismus - und diese Werte waren noch nie von so großer Bedeutung wie heute.


Mehr Technologie, weniger Trump

Anhand zahlreicher Studien legt Pinker dar, dass durch den Fortschritt nicht nur die Reichen immer reicher geworden sind, sondern auch die Armen. Lebensqualität und Lebenserwartung der Menschen auf der ganzen Welt haben sich fortwährend verbessert, Unterernährung und Hunger sind rückläufig, ebenso die Säuglings- und Kindersterblichkeit, und sogar die Zahl der Toten durch Kriege und Morde ist gesunken. Gleichzeitig ist weltweit der IQ seit einem Jahrhundert gestiegen und die Achtung vor liberalen Werten gewachsen.

Selbst der Klimawandel macht dem Autor nicht zu schaffen, dank unserer Intelligenz und neuer Technologien sei er lösbar, außerdem habe der Mensch noch nie in Harmonie mit seiner Umwelt gelebt, erklärt Pinker. Lediglich ein Mann gibt dem Harvard-Professor Anlass zur Sorge: Donald Trump. In "Aufklärung jetzt" untersucht Pinker die Ursachen und Folgen der politischen Entwicklung in den USA sachlich und präzise, und genau diese auf Fakten basierenden und niemals polemischen Analysen sind die besondere Stärke des Buches. Selbst im Fall Trump wird Optimismus gewagt, schließlich sei der Populismus eine Alte-Männer-Bewegung. Sie würde von ganz allein aussterben, während Freiheitsgedanken auf dem Siegeszug seien, davon ist Pinker überzeugt.

So gelingt es dem Autor, nicht nur ein anderes Bewusstsein für die Gegenwart zu schaffen, sondern auch neue Perspektiven aufzuzeigen, fernab von Schwarzmalerei und Kulturpessimismus. Wir leben in der sichersten Zeit der Menschheitsgeschichte, wir sind klüger, reicher, gesünder und freier als je zuvor, und wir könnten sogar richtig glücklich sein - wenn wir einfach Steven Pinkers Buch lesen würden.