Ein sonniger Herbsttag in Sizilien. Schatzsucher ziehen eine alte Ju52 aus dem Meer. Die deutsche Archä­ologin Nina findet auf der Passagier­liste ihren Großvater Moritz, der seit Kriegsende als verschollen galt – das große Geheimnis ihrer Familie. Überraschend begegnet Nina einer fremden Frau, die behauptet, Moritz’ Tochter zu sein. Hatte er eine zweite Familie?

Was hat Sie an dieser Generationengeschichte fasziniert?

Die Aktualität der Vergangenheit. Es geht um Menschlichkeit in unmenschlichen Zeiten. In meinem Roman "Piccola Sicilia" kommt Moritz als Kameramann der Propagandakompanie 1942 nach Tunis. Im Grand Hotel Majestic begegnet er der italienischen Jüdin Yasmina und ihrem heimlichen Geliebten, dem Pianisten Victor. Als die SS Victor gefangen nimmt, riskiert Moritz sein eigenes Leben, indem er ihm zur Flucht verhilft. Doch als er selbst Gefühle für Yasmina entwickelt, gerät er in ein fatales Dilemma.

Inwieweit beruht Ihr Roman auf wahren Begebenheiten?

1942 war Tunis von der Wehrmacht besetzt. Tatsächlich hat ein Feldwebel des Afrika-Korps fünf Juden, die hingerichtet werden sollten, zur Flucht verholfen. Die unglaubliche, aber wahre Wendung der Geschichte kam, als die Alliierten Tunis eroberten: Die jüdischen Eltern eines der Geretteten versteckten den deutschen Soldaten in ihrem Haus! Zudem erfuhr ich von Muslimen, die im Zweiten Weltkrieg Juden gerettet haben. Der Imam der Pariser Moschee und viele Tunesier wie der Architekt Khaled Abdelwahab versteckten ihre jüdischen Nachbarn vor den Nazis. Diese unbekannten Geschichten wollte ich vor dem Vergessen bewahren.


Was verbirgt sich hinter dem malerischen Titel "Piccola Sicilia"?

"Piccola Sicilia" ist das "Little Italy" von Tunis – nur 150 Kilometer südwestlich von Sizilien. Ein lebensfrohes, multikulturelles Einwandererviertel am Hafen. In den 1940er Jahren gab es dort eine Moschee, eine Kirche und 14 Synagogen. Damals waren die Hälfte der Einwohner von Tunis Europäer, und 15% Juden. Die drei Religionen verband eine traditionell gute Nachbarschaft, die heute fast als Utopie erscheint.



Woran lag es, dass Juden, Muslime und Christen friedlich in Tunis zusammenlebten, bevor die deutsche Wehrmacht einfiel?

Aufgrund seiner zentralen Lage im Mittelmeer kreuzten sich in Tunis schon immer verschiedene Kulturen – in der Antike die Phönizier, Karthager und Römer, später die Araber, Franzosen und Italiener. Es gab eine tolerante mediterrane Nachbarschaft verschiedener Religionen und Kulturen. Ich wollte wissen, wie das Zusammenleben von Christen, Juden und Muslimen damals gelingen konnte, und wie es dann zum Konflikt zwischen den Gemeinschaften kam. Zur Zeit erleben wir eine Renaissance des Nationalismus und der Propaganda. Das ist exakt das, was damals in "Piccola Sicilia" passierte.


Haben Sie für "Piccola Sicilia" auch vor Ort recherchiert?

Ich reise viel, setze mich den Schauplätzen meiner Geschichten aus und höre den Menschen zu. In Tunis hat mir der Direktor des Grand Hotel Majestic von der bewegten Geschichte des Hauses erzählt – von einer jüdischen Familie erbaut, von der deutschen Wehrmacht als Kommandatur besetzt, und immer ein Stück Paris unter Palmen. Edith Piaf, Yves Montand und Charles Aznavour traten dort auf. Ich traf in Tunis auch Jacob Lellouche, den Besitzer des letzten koscheren Restaurants der Stadt, der in Piccola Sicilia aufgewachsen ist und mir von seiner Kindheit erzählte. Ich traf den Rektor der jüdischen Schule von Tunis, der seinen Sohn bei den Pariser Terroranschlägen verloren hat und dennoch fest zu seinen muslimischen Lehrern, Freunden und Nachbarn steht. 

Ich reise, um zu schreiben. Ich setze mich den Schauplätzen meiner Geschichten aus und höre den Menschen zu.
Daniel Speck

Manche Schauplätze in "Piccola Sicilia" erinnern an Klassiker wie "Casablanca" oder "Der englische Patient"... .

Ja, das sind alles starke Liebesgeschichten aus dem kolonialen Nordafrika der 1940er Jahre. Sie erzählen die Auswirkungen des Krieges auf einzelne Schicksale. Mich interessiert in meinen Romanen immer, was die ‚große Politik’ mit den ‚kleinen Leuten’ macht.

Sie zeigen uns eine neue Welt aus einer Epoche, von der wir glaubten, schon alles zu wissen ...

... ich habe beim Schreiben von "Piccola Sicilia" unglaublich viel gelernt. Ich wusste alles über Stalingrad, aber nicht, dass fast zur gleichen Zeit doppelt so viele deutsche Soldaten im sogenannten "Tunisgrad" standen. Und während wir heute über kulturelle Vielfalt im modernen Deutschland diskutieren, war sie in "Piccola Sicilia" selbstverständlicher Alltag. Alles ist eine Frage der Wahrnehmung - das ist das Überthema meines Romans: Die Geschichten, die wir uns erzählen, formen unser Weltbild. Und wir können sie umschreiben. Jeder ist der Autor seines eigenen Lebens.

Buchbeschreibung

Was, wenn deine Familie in Wahrheit eine andere ist?

"Piccola Sicilia", das italienische Viertel der farbenfrohen Mittelmeerstadt Tunis, 1942. Drei Religionen leben in guter Nachbarschaft zusammen... bis der Krieg das Land erreicht. Im Grand Hotel Majestic begegnet der deutsche Fotograf Moritz dem jüdischen Zimmermädchen Yasmina.

Doch sie hat nur Augen für Victor, den Pianisten. Als Victors Leben auf dem Spiel steht, kann allein Moritz ihn retten.

Sizilien, heute: das Mittelmeer, glitzerndes Blau. Schatztaucher ziehen ein altes Flugzeugwrack aus der Tiefe. Die Berliner Archäologin Nina sucht ihren verschollenen Großvater Moritz... und trifft eine unbekannte Verwandte aus Haifa, die ihr Leben auf den Kopf stellt. Gemeinsam enthüllen sie ein faszinierendes Familiengeheimnis.


Drei Frauen aus drei Ländern und drei Kulturen – verbunden durch eine Liebe, die alle Grenzen überwindet. Inspiriert von einer wahren Geschichte.