Nachhaltigkeit ist älter, als man angesichts ihrer gegenwärtig populären Wucht annehmen könnte. Schon Anfang des 18. Jahrhunderts erfasste Hans Carl von Carlowitz ihr Wesen, damals bezogen auf sein Fachgebiet, die Forstwirtschaft. Ihm zufolge sollte in einem Wald nur so viel abgeholzt werden, wie er in absehbarer Zeit auf natürliche Weise regenerieren kann. Statt kurzfristigem Raubbau zur Gewinnmaximierung forderte von Carlowitz einen pfleglichen Umgang mit Natur und Rohstoffen – mit dem Ziel, ein regeneratives, natürliches System dauerhaft zu erhalten. Seine Gedanken zeigen, dass nachhaltiges Handeln stets auf die Zukunft angelegt ist – und die ist theoretisch unendlich. Sollen kommende Generationen sich auf der Erde ausreichend versorgen können, führt kein Weg am nachhaltigen Umgang mit Ressourcen vorbei.

Generation Nachhaltigkeit

Auf die Dringlichkeit dieser Tatsache machen derzeit diejenigen aufmerksam, die dieser Umstand aktuell am meisten betrifft: Schülerinnen und Schüler, deren längster Teil ihres Lebens auf unserem Planeten noch vor ihnen liegt. Bei den "Fridays for Future" gehen sie weltweit, von Sydney bis Hamburg, freitags auf die Straße statt in die Schule. Auf ihren Demonstrationen fordern sie konkrete Maßnahmen zum Klimaschutz, in denen das nachhaltige Handeln ein Grundprinzip bildet. Ihr Protest, den die 16-jährige schwedische Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg ausgelöst hat, richtet sich an Politikerinnen und Politiker. Sie setzen sich in den Augen der Teenager nicht engagiert genug für eine lebenswerte Zukunft ein.

Mit den "Fridays for Future"-Protesten möchten Schülerinnen und Schüler ein Zeichen für ein Umdenken in der Klimapolitik setzen. © Shutterstock

Verhältnisse statt Verhalten ändern?

Dass nachhaltiges Handeln unmittelbar davon abhängt, wie die Politik die Bedingungen dafür gestaltet, davon ist auch Michael Kopatz überzeugt. In seinem Buch Ökoroutine schlägt der Projektleiter für Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik am Wuppertal Institut vor: Strukturen ändern! Wenn Regeln etabliert werden und für alle gelten, dann kann jeder Einzelne nur noch in deren – besserem – Rahmen handeln. Ein Beispiel: Der maximal erlaubte Stromverbrauch von Elektrogeräten im Stand-by-Modus wurde per EU-Verordnung von 30 Watt auf 0,5 Watt gesenkt. Hersteller können TV-Geräte und DVD-Player nur noch mit dieser Auflage produzieren – und Konsumenten nur noch diese kaufen. Kopatz hält es für effektiver, die Verhältnisse zu ändern, als Menschen per moralischem Appell dazu zu bewegen, ihr Verhalten anzupassen. Doch auch in Kopatz‘ Denkansatz bleibt in letzter Instanz der einzelne Mensch verantwortlich: Denn er muss die Verhältnisse einfordern, die die Politik schaffen soll. Der jugendliche Protest in Richtung Regierung erscheint unter dieser Prämisse als ein richtiges Mittel zum Zweck.

Konsumenten, vereint euch!

Politikerinnen und Politiker sind allerdings nicht die einzigen Adressaten, die dafür sorgen können, nachhaltiges Handeln zur Regel zu machen. Auch die Wirtschaft steht in der Pflicht – das hatte schon von Carlowitz in seiner simplen Wald-Rechnung anklingen lassen. Der Erfolg vieler Unternehmen basiert noch immer häufig auf der rücksichtslosen Ausbeutung der Natur – unserer gemeinsamen Existenzgrundlage.
Seit das Bewusstsein in der Gesellschaft für Nachhaltigkeit gestiegen ist, stehen Firmen jedoch unter Zugzwang. Immer mehr Konsumenten wollen genauer wissen, unter welchen Produktionsbedingungen und mit welchen Konsequenzen für die Umwelt Produkte hergestellt werden. Transparenz ist zum Kaufargument geworden.

Greifen mehr Menschen eher zu nachhaltig produzierten Waren, ist das gleichzeitig auch eine Botschaft in Richtung der Unternehmen. In der Theorie kann das eigene Konsumverhalten also ein Signal setzen – wenn genug andere ähnlich agieren.

Zukunftsmodell Nachhaltigkeit für langfristigen Geschäftserfolg

Gerade in Anbetracht von Bewegungen wie "Fridays for Future", die insbesondere den Dialog mit der Politik suchen, ist die aktuelle Lage aber auch eine Chance für Unternehmen, sich über regulatorische Bedingungen hinaus nachhaltig zu verhalten und dort anzusetzen, wo der politische Rahmen fehlt. Dazu gehören freiwillige Ziele und selbstauferlegte Verpflichtungen für nachhaltige Produktions- und Lieferketten und Allianzen mit anderen Unternehmen, um Nachhaltigkeitsziele möglichst wirkungsvoll umzusetzen – nicht zuletzt, weil der nachhaltige Umgang mit Ressourcen auch mit dem langfristigen Geschäftserfolg verbunden ist. Dieses Verständnis ist auch in der Wirtschaft angekommen. Das wiederum nährt den nachhaltigen Konsum. Denn nur, wenn es nachhaltige Produkte gibt, können Konsumenten mit ihren Konsumentscheidungen auch einen Unterschied machen. Deutlich wird: Nachhaltiges Handeln kann nicht im Alleingang etabliert werden. Was bei jedem Einzelnen beginnt, braucht grundsätzliche Strukturen und die Verankerung in der Gesamtgesellschaft, der Wirtschaft und der Politik. Allein, man muss Nachhaltigkeit wollen. Hans Carl von Carlowitz wollte sie – obwohl er dafür noch nicht mal einen Namen hatte. In seinem forstwirtschaftlichen Grundsatzwerk Sylvicultura oeconomica kam das Wort "nachhaltend" nur ein einziges Mal vor. So normal, wie wir das Wort heute gebrauchen, ist hoffentlich auch bald das Prinzip selbst.

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