Von der Offenheit zur Offenbarung ist es nur ein Atemzug. Wer sich jemand anderem anvertraut, gibt etwas von sich preis, zeigt sich verletzlich und macht sich verletzbar. Und dabei ist es fast egal, ob man einfach nur über unerfüllte Träume spricht, seine Freude mit jemandem teilt oder sich seine Sorgen von der Seele spricht. In einer Welt, die schnell geworden ist und in vielen Bereichen oberflächlich bleibt, kann das sogar ein Risiko sein. Denn wo die privaten Geheimnisse an den falschen Menschen geraten, kann Ihnen Ihr Vertrauen schnell wie ein Boomerang das Genick brechen.

Falsch wäre es jedoch, jetzt wie eine Muschel zuzuklappen und nichts und niemanden mehr am eigenen Leben teilhaben zu lassen. Es ist keine Frage, ob man offen sein sollte, sondern zu wem. Denn Sympathie oder Liebe allein können nicht die Kriterien sein. Oft ist der Kontext, in dem Sie sich mitteilen, viel entscheidender.

Der Partner
Für viele Menschen ist der Partner eine Ergänzung des eigenen Ich. Sie möchten sich ihm in allen Einzelheiten anvertrauen und glauben, dass Intimität gleichzusetzen ist mit Offenheit. Doch dieser Trugschluss kann dazu führen, dass die Beziehung schnell vorhersehbar wird und jegliche Spannung und Aufregung fehlt. Denn gerade die kleinen Geheimnisse sind es, die der Partnerschaft das gewisse Quäntchen Spannung verleihen. Wer für seinen Partner ein offenes Buch ist, verliert auch schnell seine Unabhängigkeit und Selbständigkeit.

Die Freunde
Nicht nur im eigenen Interesse, sondern auch aus einem gesunden Verantwortungsgefühl heraus, sollte man sehr genau überlegen, was man seinen Freunden erzählt: Denn wer einem Freund zum Beispiel anvertraut, dass er eine Affäre hat, bringt diesen Freund dann in einen Interessenskonflikt, wenn Sie alle eine große Clique bilden. Abgesehen davon halten auch Freundschaften nicht unbedingt ewig. Wer ein wirkliches Geheimnis hat, sollte dies nur langjährigen Freunden anvertrauen.

Die Familie
Der Prozess der Abnabelung von der eigenen Familie dauert ein Leben lang. Umso verständlicher, dass es Dinge gibt, die man irgendwann nicht mehr mit der Mutter oder dem Vater besprechen möchte. Ob die eigene Ehe in Gefahr ist, es auf der Arbeit eine Abmahnung gab oder Sie planen, auszuwandern - es ist Ihr gutes Recht zu entscheiden, was davon Sie Ihrer Familie gegenüber erwähnen möchten. Und auch Ihr Bruder oder Ihre Schwester müssen nicht automatisch aus seinem/ihrem Status heraus zu Ihren engsten Vertrauten gehören.

Etwas anderes ist hingegen die eigene Familie, vor allem die Kinder. Diese beginnen irgendwann Fragen zu stellen - und auf einige Antworten haben Sie ein Recht. Zum Beispiel dann, wenn sie adoptiert sind und es um Ihre Herkunft geht. Dies ist sicher nichts, was Eltern für sich behalten dürfen, weil es das unmittelbare Leben der Kinder selbst betrifft. Auch Probleme in der Familie, die den Alltag dominieren, sollten nicht unter den Tisch gekehrt werden. Hier hilft ein offener und fürsorglicher Umgang mit den Konflikten.

Die Kollegen
Berufliches und Privates zu trennen ist sicher ein weiser Spruch - seine Umsetzung ist aber auch abhängig davon, welchen Beruf Sie ausüben. Wer in einem Großraumbüro sitzt, sollte sich - aus Rücksicht auf die anderen - mit der Ausbreitung privater Probleme oder den Details der Krankheiten seiner Eltern zurückhalten. Auch, wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihnen derzeit alles über den Kopf wächst, kann es Ihnen beruflich schaden, dies Ihrem Chef mitzuteilen. Wenn Sie nicht tatsächlich absehbar ausfallen oder sich krankschreiben lassen, provozieren Sie damit nur, dass man Sie mehr schont als notwendig, beziehungsweise Sie für nicht belastbar hält. Und dann geht die Offenheit nach hinten los.

Von Lea-Patricia Kurz