Schon seit Wochen haben Sie ihn auf Ihrer Wunschliste und heute soll er fällig sein. Den ganzen Abend schon lassen Sie ihn nicht aus den Augen: Wie er an der Bar steht, mit seinem Kumpel lacht, seine Hüften viel versprechend zu heißen Rhythmen schwingt und dabei lustvoll die Augen schließt und wie er später das Glas ansetzt und seine Lippen benetzt. Sie haben beobachtet, wie die Frauen sich galant in seine Nähe tanzen um ihn dann wie zufällig zu berühren. Und den ganzen Abend schon arbeiten Sie auf den einen Moment hin - ihn anzusprechen und ihm näher zu kommen. Und als sie kurz davor sind, zum Angriff überzugehen, ist es wie der Riss eines Films an der spannendsten Stelle - er setzt das Glas ab, beugt sich zu seinem Kumpel um ihm was zuzuflüstern - und küsst ihn! Dieser Schock sitzt tief, denn hier helfen auch die Waffen einer Frau nicht mehr - er ist immun gegen all Ihre weiblichen Reize.

Betrachtet man die Frage nach der sexuellen Gesinnung einmal ganz verbal, so kommen einem sofort Aussagen wie "das andere Ufer" oder "Verlust für die Damenwelt" in den Sinn. Und die machen schon ziemlich klar, wie man sich in so einer Situation fühlt: Dass der andere unerreichbar ist, obwohl er eigentlich haargenau in das eigene Beuteschema passen würden. Und die schlechte Nachricht ist: Dies kann umgekehrt einem Mann mit einer Frau genauso passieren. Denn niemand trägt seine geschlechtliche Vorliebe auf der Stirn geschrieben. Oder? Nein, auf der Stirn nicht, aber …

… in den Augen! Denn an der Weitung der Pupillen lässt sich die sexuelle Orientierung eines Menschen ablesen. Diese Entdeckung machten amerikanische Forscher während einer Studie mit 325 Frauen und Männern. Dabei fanden sie heraus, dass die Reaktion der Augen sehr eindeutig verrät, wen wir sexuell anziehend finden.

Was sich bisher nur über Befragungen oder Sensoren an den Genitalien herausfinden ließ, bestätigte sich nun erstmals mittels einer neuen Methode: Während die Probanden sich Filme oder Fotos von neutralen Szenen und von einem Mann oder einer Frau in einer erotischen Situation anschauten, analysierte eine spezielle Kamera Blickrichtung, Augenbewegung und die Weite der Pupille. Die Ergebnisse ließen eindeutige Schlüsse zu: Die Wahrheit lässt sich nicht verbergen. Interessant jedoch ist, dass die Ergebnisse nicht immer mit dem übereinstimmten, was die Teilnehmer im Vorfeld der Studie über ihre eigenen Neigungen zu Protokoll gegeben hatten.

Auch die Annahme, dass nur heterosexuelle Frauen sich auch von Ihresgleichen angezogen fühlen können, während die Trennung zwischen homo- und heterosexuell bei Männern klarer zu machen ist, wird durch die Studienergebnisse widerlegt. Die Abstufungen des sexuellen Begehrens bezeichneten die Forscher als "fließende Übergänge" - und auch Männer seien in ihrer Sexualität "flexibel".

Kehren wir also zurück zu Ihrem Schwarm an der Bar im Nachtclub. Angesichts der mangelnden Selbsteinschätzung was die eigenen sexuellen Neigungen angeht, dürfen Sie also wieder hoffen! Vielleicht können Sie im schummrigen Licht des Nachtclubs ja einen Blick auf seine Pupillen erhaschen oder seinen Blick analysieren, wenn Sie sich aufreizend vor ihm hinstellen. Vielleicht wirft diese Studie aber auch ganz andere Fragen auf: Sind wir bei aller Aufklärung und Toleranz tatsächlich ehrlich zu uns selbst? Oder klappt es deshalb nicht mit der Liebe, weil Sie auf der falschen Seite des Flusses suchen? Vielleicht lohnt sich ja auch ein Blick in die eigenen Augen? Viel Spaß beim Nachdenken …

Von Lea-Patricia Kurz