Was für ein Abend es doch war! Jede Sekunde haben Sie noch vor Augen, als wäre es ein Film, der sich wieder und wieder abspielen und an den schönsten Stellen anhalten ließe: Schon als er am vereinbarten Treffpunkt ankam, wussten Sie, dass dieser Abend sich in eine lange Nacht strecken würde. Die Gespräche plätschernd leicht wie ein Fluss und seine Gegenwart ist angenehm und seltsam vertraut. Und die Blicke beim Abschied sagten alles: Sie würden sich wieder sehen - ganz bald sogar!

Doch so präsent dieses Gefühl auch sein mag, es ist nun schon einige Tage alt - und bisher kam weder ein Anruf, noch eine E-Mail oder eine SMS. Und dachten Sie am ersten und zweiten Tag noch, es wäre das übliche Spiel aus Aufmerksamkeit und zappeln lassen, so kamen am dritten Tag die ersten Zweifel hoch, die am vierten schließlich unerträglich wurden: Vielleicht hat er nur freundlich getan, um Sie nicht zu verletzen? Vielleicht ist er ein Casanova, der das Interesse verlor, weil Sie nicht gleich das Bett mit ihm geteilt haben? Oder er ist verheiratet und seine Frau ist ihm auf die Schliche gekommen? Aber dann fallen Ihnen wieder die zufälligen Berührungen ein, sein unbeschwertes Lachen und die Selbstverständlichkeit Ihres Miteinanders und Sie schütteln ungläubig mit dem Kopf: Kann man sich tatsächlich so sehr täuschen? Sie wollen es nicht glauben, denn die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Und Recht haben Sie! Denn es gibt eine ganz einfache Tatsache, die die Erlösung von Ihrem Leid ebenso einfach macht: Wir leben im 21. Jahrhundert, einer Zeit, in der die Frau längst nicht mehr dekorativer Staubfänger im Lebensregal des Mannes ist. Sie muss sich weder die Erlaubnis Ihres Mannes holen, um arbeiten zu gehen, noch braucht Sie seine Unterschrift, um ein Konto zu eröffnen. Und genauso wenig braucht sie tatenlos Zuhause herumzusitzen und auf die Gnade seines Anrufes zu warten. Und noch etwas sollten Sie bedenken: Auch der Mann ist im 21. Jahrhundert angekommen. Er lässt mehr und mehr Ängste und Zweifel zu und ist vielleicht einfach genauso unsicher wie Sie selbst. Altbekannte Rollen und Muster, die beinahe schon einem codierten Verhaltenskatalog ähnelten und genau regelten, wer die Rechnung bezahlt, wann man sich zum ersten Mal küsst und wer wann anruft, sind heute nicht mehr bedingungslos anwendbar.

Wo auch immer also Ihre inneren Grenzmauern aus Stolz und Angst sich befinden - machen Sie sie ausfindig und klettern Sie beherzt hinüber! Rufen Sie ihn an und fragen Sie nach, wie es ihm geht und ob Sie sich wieder sehen wollen - und falls Sie das Gefühl haben, Sie stoßen auf Freude über Ihren Anruf, machen Sie direkt einen konkreten Vorschlag. Wenn Ihnen nun schon allein bei der Vorstellung die Knie schlottern, den ersten Schritt zu machen, dann schreiben Sie eine E-Mail, aber lassen Sie die Finger von SMS. Die führen meist nur zu Missverständnissen. Und die Gefühle und Fragen, die Sie umtreiben, lassen sich sicher nicht auf 160 Zeichen reduzieren.

Und bei aller Angst bedenken Sie eines: Das Risiko, eine Abfuhr zu bekommen, ist natürlich da - aber immerhin wissen Sie dann wenigstens, woran Sie sind. Und schlimmer als jetzt kann sich Ihr Zustand wohl kaum anfühlen, oder?

Von Lea-Patricia Kurz