Haben Sie folgende Szene auch schon einmal beobachtet: In einem Café sitzt sich ein Pärchen gegenüber, sie bestellen etwas zu trinken, küssen sich kurz - und dann greift einer der beiden in die Tasche und verschwindet in seiner Welt. Nein, kein Taschenbillard, sondern der starke Sog der modernen Technik: Das Handy.

Kaum etwas geht heute noch ohne Internet - und "kaum" müsste man dabei eigentlich noch in doppelte Klammern setzen. Denn dadurch, dass die meisten Mobiltelefone inzwischen technisch genau darauf ausgelegt sind, lässt sich praktisch jeder Schritt des eigenen Lebens sofort in Nullen und Einsen verwandelt an die Welt der sozialen Netzwerke weitergeben: Der Ärger über erhöhte Preise im Supermarkt, ein Videomitschnitt eines Streitgesprächs mit einem Betrunkenen oder ein Foto des eigenen Mittagessens - nichts, was sich nicht mehr teilen ließe. Und auch scheint es kaum noch Scham-Grenzen zu geben. So findet sich im Internet auch das eine oder andere Foto eines Pärchens mit zerstrubbelten Haaren und nacktem Oberkörper, das frech aus zerwühlten Laken in die Kamera grinst.

Allein über den Exhibitionismus mancher Menschen ließe sich lange diskutieren. Doch die Technik kann noch mehr: Passt man nicht auf, beherrscht sie bald den gesamten Alltag - und damit auch ganz schnell das Beziehungsleben. Ob es nun der Gemütszustand der besten Freunde ist, die Urlaubsbilder der Tante, die Wetterlage oder die heutigen Termine, der Blick in die aktuellen Schlagzeilen, das Rezept für den Geburtstagskuchen der Liebsten, das passende Geschenk dazu oder die Fußballergebnisse vom letzten Spieltag - nichts, das sich nicht mehr über ein so genanntes Smartphone regeln ließe.

Natürlich ist es praktisch, gar keine Frage. Aber wie viel praktisch ist gesund? Denn all das erfordert Aufmerksamkeit, erfordert Fokussierung auf einen kleinen Apparat, der ständig anwesend ist wie ein anhänglicher Hund und der vielleicht für seinen Besitzer kommunikativ sein mag - für dessen "realen" Begleiter aber wie ein Schlag ins Gesicht wirken kann. Ständig piepst oder brummt es und das ewige Online-Sein kann dem Partner das Gefühl geben, als wäre man nie allein mit dem Liebsten. Wer inmitten eines wichtigen Gesprächs mit dem Partner von der Außenwelt unterbrochen wird, wer einen panischen Partner an der Seite hat, der während des Opern-Besuchs nicht stillsitzen kann, weil er sein Handy zu Hause vergessen hat - der beginnt sich irgendwann zu fragen, mit wem er eigentlich eine Beziehung hat. Wer den romantischen Sonnenuntergang im Liebesurlaub gleich auf Instagram posten und die Antwort auf einen gemachten Heiratsantrag sofort via Twitter in die Welt posaunen muss, der ist über "gesund" schon längst hinausgeschossen. Denn selbst wenn Ihr Partner derzeit nichts zu beanstanden hat - wahre Nähe sieht anders aus. Denn die Nähe zu einem Menschen besteht aus (ungestörter!) Zweisamkeit und Liebe nährt sich von Aufmerksamkeit. Beides ist auf Dauer nicht mit einem ewig präsenten Smartphone zu vereinbaren.

Und so wandelt die moderne Technik nicht nur den Alltag der Menschen, sondern langfristig wohl sogar die Vorstellung von Liebe. Denn wenn der Partner das Handy klingeln lässt und sich unbeirrt weiter in Ihren Augen verlieren kann, muss man das ja fast schon als Liebesbeweis werten.

Von Lea-Patricia Kurz