Sätze wie "Wir sind nur gute Freunde" oder "Lass uns Freunde bleiben" sind Ausdruck für etwas, das meistens schief geht: Freundschaft zwischen Mann und Frau. Der eine Satz bezieht sich auf den Zustand bevor etwas passiert und der andere versucht zu retten, was zu retten ist, nachdem bereits etwas passiert ist.

Doch die tatsächliche Ernsthaftigkeit wird beiden Aussprüchen abgesprochen, denn wirklich glauben tut daran kaum jemand: Mann und Frau können einfach nicht miteinander befreundet sein, ohne dass sich einer der beiden früher oder später verliebt und "mehr" will. Das behauptet seit jeher der Volksmund - und dass er damit leider Recht hat, bestätigt jetzt die Umfrage einer US-amerikanischen Universität.

Wissenschaftler der University of Wisconsin Eau Claire befragten dafür achtzig verschiedengeschlechtliche Männer und Frauen, die vorgaben, nur miteinander befreundet zu sein. Das Fazit der Forscher ist eindeutig: Sie stellten fest, dass es bei so gut wie jeder Freundschaft zu sexuellen Spannungen kam. Diese gingen meist vom Mann aus und - was besonders interessant ist - dieser glaubte, dass es der Frau vermutlich genauso ging. Die Frauen hingegen empfanden nicht so.

Frauen scheint es also wesentlich einfacher zu fallen, mit einem Mann auf einer rein freundschaftlichen Ebene zu agieren. Besonders dann, wenn sie selbst oder der "gute Freund" in einer Beziehung sind. Ist dies nun der Behauptung geschuldet, dass der Mann einen ausgeprägteren Sexualtrieb hat als die Frau, und das Begehren bei ihm meist evolutionärer Motivation unterliegt? Oder ist der Übergang zwischen Freundschaft und Liebe doch so fließend, wie immer wieder vermutet wird? Denn schließlich lässt die erotische Anziehungskraft auch innerhalb einer Beziehung irgendwann nach - bei manchen versiegt sie gänzlich, sie schlafen gar nicht mehr miteinander und trennen sich dennoch nicht. Sind sie dann befreundet oder liiert? Erotisch oder platonisch?

Und mit der Frage nach der Definition käme auch unweigerlich die Frage nach der Wertigkeit auf: Wenn zwei Menschen "noch" platonisch befreundet sind, dann erotisch zueinander finden, es Beziehung nennen und irgendwann keinen Sex mehr haben - handelt es sich dann "noch" um eine Beziehung oder "schon" um eine Freundschaft?

Fragen, die man sich selten stellt. Weil die Definitionen klar sind, vorgelebt und übernommen werden. Und vielleicht ist es das, was die Freundschaft zwischen Mann und Frau so unglaublich kompliziert macht. Das ewige Prüfen des Status' und des Rahmens.

Doch selbst wenn wir bei den gängigen Definitionen bleiben: Fakt ist, dass der Mensch ein Wesen der Bewusstheit ist, und als solches in der Lage zu Reflexion, Lernprozessen und Weiterentwicklung seiner Persönlichkeit. So ist es sicherlich eine besondere Herausforderung, aus einer unerwiderten Liebe mit einem noch relativ unbekannten Menschen eine wirklich gute und tiefe Freundschaft erwachsen zu lassen. Trennen sich jedoch zwei Menschen, die einmal viel miteinander verbunden hat, so sind die Chancen, die erotische Verbundenheit in eine tiefe Freundschaft zu wandeln, deutlich besser - denn für ein tiefes, menschliches Miteinander ist es nur von Vorteil, wenn einem der andere vertraut ist - egal, ob Mann oder Frau.


Von Lea-Patricia Kurz