Wenn sich zwei Menschen ineinander verlieben, beginnt immer eine neue Welt. Diese Welt, die zunächst nur rosafarben und wunderbar erscheint, beginnt mit der Zeit komplizierter zu werden. Denn wo zwei Individuen aufeinander treffen, spalten sich eben auch manchmal die Geister. Unterschiedliche Werte und Erfahrungen wollen unter einen Hut gebracht werden und meist dauert es eine Zeit, bis man sich in der Partnerschaft eingespielt hat.

Aber wo Liebe schon zwischen Menschen gleicher Herkunft ein Wagnis ist, wird sie bei gemischten Paaren zum kulturellen Abenteuer. Untersuchungen haben ergeben, dass Partner einer gemischten Verbindung in ihrer Kindheit oft keine ausgeprägte Bindung an die eigene Kultur entwickelt haben.  Sie haben rebelliert oder sich aus anderen Gründen distanziert - und erleben dennoch manchmal im Laufe ihres Lebens eine Art kulturelle Wende. Dann sind ihnen zum Beispiel auf einmal Traditionen, Riten oder religiöse Feste wichtig, die bis dato keine Rollte gespielt haben. Für den Partner kommt dies meist völlig unerwartet - und kann zu großen Konflikten führen.

So eine Wende im Wertesystem hängt meist mit einem einschneidenden Erlebnis zusammen, etwa der Geburt eines eigenen Kindes. Die Ankunft eines Babys lässt die eigenen Wurzeln wieder durchbrechen. Sich konfrontiert zu sehen mit der Zukunft der Kinder und dem Kindsein an sich, ruft Erinnerungen an die eigene Kindheit wach - eine Zeit, in der viel Prägung und Einfluss und wenig Reflexion stattgefunden hat. Taucht man durch den Nachwuchs nun zwangsläufig wieder ein in eine Welt die voller Phantasie ist aber noch entdeckt werden muss, so werden all' die Erinnerungen an Familie und Rituale der ersten Lebensjahre wieder wach. Was bisher im eigenen Erwachsenenleben keine Rolle mehr spielte, ist auf einmal wieder wichtig. Für Außenstehende - auch den eigenen Partner - ist diese Kehrtwende oft unverständlich.

Zu verstehen gilt es, dass hier auch die eigene Identität eine motivationale Rolle spielt - die Angst nämlich, dass man beginnen könnte, sich in der eigenen Familie fremd zu fühlen, wenn die eigene Kultur in der Erziehung keine Rolle spielt. Denn ob es gut ist oder nicht, pädagogisch wertvoll oder eine Bürde für die Kinder: Nachwuchs in die Welt zu setzen bedeutet immer auch, ein Stück Unsterblichkeit zu erlangen. Nicht ohne Grund sind Eltern besonders stolz, wenn das Kind ihnen ähnlich sieht oder Eigenarten aufweist, die sie selbst haben.

Auch bei Paaren gleicher kultureller Herkunft ist ein Kind ein einschneidendes Erlebnis, das zu Konflikten führen kann. Die Vorstellungen davon, was man einem Kind mit auf den Weg geben möchte, wie die Erziehung zu gestalten ist und ob Religion dabei eine Rolle spielen soll oder nicht, ist fast immer ein Thema zwischen Paaren - egal, welcher Herkunft. Sind die Partner jedoch im selben Kulturkreis aufgewachsen, so überschneiden sich mit großer Wahrscheinlichkeit eine Menge Rituale und Erinnerungen aus der eigenen Sozialisation und die Konsensfindung ist einfacher.

In beiden Fällen aber - ob das Paar gleicher oder unterschiedlicher kultureller Herkunft ist - lässt sich ein derartiger Konflikt nur mit viel Verständnis lösen. Schaffen es die Partner, den Machtkampf zu unterbinden, der aus so einer Situation entstehen kann, dann bietet so eine Krise auch immer eine Chance – besonders im Fall der gemischten Paare. Gemeinsam die neuen Wertesysteme des anderen auszuloten und eine Neugier für die Seiten des anderen zu entwickeln, die ihnen neu und ungewohnt erscheinen, schweißt zusammen. Das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturkreise muss nicht in einem Aufprall enden. Vielmehr kann sich eine gute Symbiose entwickeln, die sich schließlich im gemeinsamen Kind manifestiert.

Von Lea-Patricia Kurz