Der Traum von der Liebe ist frei. In ihm ist sie ein Schmetterling, der sich unbedarft und ungebunden seinen Weg bahnt, mal an dieser Blume schnuppert und sich mal auf einer anderen niederlässt. In diesem Traum ist die Liebe gleichzeitig wie ein Feuer, das sich in seiner Richtung dem Wind beugt und die Leidenschaft ist der Antrieb allen Seins.

Vielleicht ist die Liebe tatsächlich so. Vielleicht ist sie nur der Zauber eines Moments, nicht zu fassen und nicht zu bändigen. Und schon gar nicht in Konstrukten wie einer "festen Partnerschaft", in der Treue oft an erster Stelle steht. Doch diese Treue ist - wenn überhaupt - nur eine körperliche. Denn in der Phantasie haben viele Menschen mehrere Partner - und zwar zeitgleich.

Verliebt man sich neu, so ist dieser Wunsch nach einem weiteren Partner kaum vorhanden. Die Hormone spielen verrückt, die rosarote Brille sitzt fest auf der Nase und ein jeder glaubt, dass das Glück ewig anhält. Doch mit der Zeit treten auch die Schattenseiten des Partners hervor, die Auseinandersetzungen nehmen zu, erste Macken beginnen zu nerven und der Himmel der Liebe ist zwischenzeitlich verhangen. Irgendwann stellt man eben fest, dass es Wünsche gibt, die der Partner nicht erfüllen kann - und die ersten Zweifel drängen sich zwischen die Liebe. Dabei ist nicht auf einmal alles am Partner schlecht, nur kann einem kein Mensch alles geben und die vernachlässigten Bereiche des eigenen Lebens melden sich zu Wort. Dies kann die Liebe zum Sport sein, die Gespräche, die dem einen nicht philosophisch genug und dem anderen zu kompliziert sind oder auch eine unerfüllte Lust im Bett. Nicht auf allen Ebenen können Menschen miteinander harmonieren - und doch streben viele von uns nach Vollkommenheit und Erfüllung. Der Wunsch nach einem (weiteren) Partner, der die unerfüllte Seite befriedigt, ist da nur verständlich.

Doch unsere Gesellschaft ist auf soviel Freiheit nicht ausgelegt. So genannte "offene Beziehungen" haben inzwischen einen Ruf von Unverbindlichkeit und Lieblosigkeit - Attribute, die die Realität nicht einmal aus der Ferne streifen. Denn gerade Partnerschaften in denen der eine dem anderen die volle Freiheit zugestehen, sind oft tiefer, als Partnerschaften, in denen die eigenen Wünsche und Bedürfnisse unterdrückt werden müssen und als verwerflich gelten.

Bleibt das Problem mit der Eifersucht - und damit die Frage nach dem Ego: Denn in unserer Zeit gilt es als Zeichen von Liebe, für jemanden auf etwas zu verzichten. Denkt man intensiv darüber nach, so bleibt ein Hauch Absurdität. Denn Liebe sollte selbstlos sein - ohne sich aufzuopfern. Ein Spagat, den uns keiner beibringt, denn wir alle werden großgezogen mit dem Glauben an die Richtigkeit von Monogamie. Diese zu reflektieren, zu einem Raum von Entscheidungsfreiheit zu deklarieren und sich über sie zu erheben, wenn man sie als Gefängnis empfindet - das grenzt an Kunst. Denn allein mit einem Seitensprung ist die Monogamie nicht aufgehoben. Nur was beide wollen, ist erlaubt, nur auf was beide sich einigen, ist bindend - egal, ob monogam oder polygam. Zu beiden Beziehungsmodellen gehört Aufrichtigkeit - und diese sollte der einzige Indikator für die Echtheit von Liebe sein.

Von Lea-Patricia Kurz