Die Trennung von Lust und Liebe war schon immer ein - im wahrsten Sinne des Wortes - „heiß" diskutiertes Thema. Und stets prallten dabei zwei sehr konträre Ansätze aufeinander.

Der eine Ansatz ist wissenschaftlicher Natur und reduziert den Menschen in seiner Lust auf evolutionäre Ansätze. Seine Befürworter sehen in der Liebe weniger die Romantik, als die Notwendigkeit zur Fortpflanzung, die in jedem von uns so tief verankert ist, dass auch Kultur und Zivilisation nicht dagegen ankommen - obwohl der absolut beherrschende Drang nach Fortpflanzung für das Überleben unserer Spezies nicht mehr notwendig wäre. In dieser Theorie ist die Liebe nur ein Mittel zum Zweck - aber eben kein notwendiges.

Anders dagegen die Romantiker. Sie nähren ihre Argumentation aus Moral und Kultur. Für sie wäre es undenkbar, Sex mit einem Menschen zu haben, den sie nicht lieben oder - schlimmer noch - nicht einmal kennen. Werte wie Treue und Monogamie untermauern sie mit der Kultur des Anstands. Wer wirklich liebt, sagen sie, hat gar nicht das körperliche Verlangen nach einem anderen Menschen.

Doch wer hat nun Recht? Kann es Lust ohne Liebe geben? Ist der Fortpflanzungstrieb in uns doch noch so präsent, dass die Liebe letztlich nur ein über die Jahrhunderte gewachsener Mythos von etwas ist, das eigentlich so einfach zu erklären ist? Oder gibt es sie wirklich, die einzig wahre Liebe, die uns die Sinne verklärt, trunken macht und für die man bereit ist zu sterben?

Eine Studie, die von der Universität Genf durchgeführt wurde, hat nun Erstaunliches entdeckt: Lust und Liebe sprechen zwar zwei im Gehirn voneinander getrennte Bereiche an, weisen aber doch auch deutliche Überschneidungen auf. Während sexuelle Lust Regionen aktiviert, die auch bei anderen „lust"vollen Tätigkeiten wie zum Beispiel gutem Essen, angesprochen werden, aktiviert die Liebe ein Gebiet im Gehirn, das eher bei der Bildung von Gewohnheiten involviert ist. Und eben auch bei Süchten! Die Liebe ähnelt also von ihrer Gehirnstruktur einer Sucht. Wer schon einmal geliebt hat, wird darüber wahrscheinlich nicht sonderlich verwundert sein.
Interessant aber ist, dass auch der Übergang von der Lust zur Liebe in der Gehirnaktivität sichtbar ist. Wandelt sich Begehren in Liebe, „übergibt" das Gehirn sozusagen die Aktivität an andere seiner Regionen weiter. Während mit dem Sex ein ganz bestimmtes Ziel verknüpft ist - nämlich die Befriedigung der Lust und damit die Reproduktion – ist Liebe ein komplexes und abstraktes Gefühl. Dass die beiden miteinander zusammenhängen, lässt sich also nicht abstreiten.

Der Streit von Lust und Liebe wird also weiter gehen. Auch, wenn letztlich die Verfechter beider Ansätze ihr Recht aus der Studie ziehen können: Zwar gibt es Lust ohne Liebe - die wahrscheinlich wirklich unser menschliches Fortbestehen sichert –aber es gibt eben auch Lust, die zur Liebe wird.

Und wirklich wichtig ist doch letztlich, wofür sich jeder einzelne in seinem Leben entscheidet: Ob Sex mit Liebe oder ohne, ist sicher von mehr Faktoren als von Gehirn und Fortpflanzungstrieb abhängig. Denn der Mensch ist und bleibt ein individuelles Wesen. Und so ist für die einen die Liebe ein wunderbarer Zusatz zum Rausch der Lust und für die anderen hingegen ist die Lust der Höhepunkt der Liebe.

Von Lea-Patricia Kurz