Wer kennt es nicht: Kleine Missverständnisse bauschen sich zu einem Wellenmeer der Emotionen auf, Launen geraten aneinander und verschiedene Ansichten machen den partnerschaftlichen Alltag zäh und manchmal müßig. Doch nichts erschüttert eine Beziehung so sehr, wie ein Vertrauensbruch. Ob das nun ein Seitensprung ist oder das Weitererzählen eines Geheimnisses - an diesem Punkt kann Liebe zerbrechen. Die Verletzungen sind oft so tief und die Fronten derart verhärtet, dass eigentlich nur noch die Trennung bleibt - wenn nicht einer der beiden Partner über seinen Schatten springt und auf den anderen zugeht. Und wenn der Punkt bereits überschritten ist, an dem ein Gespräch noch helfen kann oder alle Fragen schon hundertmal gestellt und unbefriedigend beantwortet sind - dann hilft nur noch verzeihen.

Aber wie kommt der Mensch an den Punkt, an dem er verzeiht? Was bringt ihn dazu, seine Verletzung in Kauf zu nehmen und von seinen Prinzipien und Wertvorstellungen abzuweichen?

Dieser Frage geht die Freie Universität Berlin nach. In einem Projekt am Exzellenzcluster "Languages of Emotion" untersucht ein Team aus Wissenschaftlern die kulturellen Bedingungen des Vergebens in Deutschland. Das langfristige Ziel dieser Untersuchung ist die Erstellung einer "Typologie des Vergebens". Im Rahmen einer Dissertation zu diesem Thema wurden dazu in zwei Verfahren Interviews geführt, die zum einen herausfinden sollten, wie Menschen generell zu dem Thema Vergebung stehen und zum anderen, was ihre persönlichen Erfahrungen damit sind. Interessant war dabei die zu Tage tretende Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis: Zwar gaben viele der Studienteilnehmer an, dass ein Betrug in der Partnerschaft für sie untragbar sei, ihre Schilderung der Erfahrung zeigte jedoch, dass - wenn es tatsächlich soweit kommt - dennoch eine Bereitschaft da ist, zu verzeihen.

Dieses Ergebnis zeigt deutlich, dass die Umsetzung gesellschaftlicher und persönlicher Wertvorstellungen immer auch situativ bedingt ist. Wie die Bereitschaft zur Vergebung tatsächlich entsteht, können die Forscher noch nicht mit Sicherheit sagen. Bekannt ist bisher nur, dass verschiedene Faktoren eine Rolle spielen:

So zum Beispiel die menschliche Fähigkeit, sich in die Situation des anderen hineinzuversetzen. Dies ermöglicht es, ein gewisses Verständnis dafür zu entwickeln, wie die Situation entstanden ist. Durch das entstandene Verständnis können die eigenen Gefühle wie zum Beispiel Wut und Trauer rational unter Kontrolle gebracht werden - ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Vergebung.

Ebenfalls ein wichtiger Faktor ist die Wichtigkeit der Beziehung, die durch die Verletzung in Frage gestellt wird. Ob Freundschaft, Familie oder Liebe - der Grad der Wichtigkeit entscheidet über die Größe des Sprunges, die ein Mensch bereit ist, über seinen Schatten zu machen.

Auch der Wunsch des Menschen nach Anerkennung spielt eine Rolle. Vergeben ist eine Fähigkeit, die in unserer Kultur als tugendhaft und erstrebenswert gilt. Durch die Vergebung erfährt der Mensch Anerkennung von anderen - was zeigt, wie wichtig es für das soziale Wesen ist, für sein Handeln auch die Bestätigung durch andere zu erhalten.

Mit einem Studienergebnis hatten die Forscher dann aber doch nicht gerechnet: Es sind ausgerechnet die Männer, die eher bereit sind, zu vergeben. Warum das so ist? Diese Antwort muss erst noch gefunden werden - in einem zweiten Untersuchungsabschnitt.

Von Lea-Patricia Kurz