Im Laufe einer Beziehung flaut die Unendlichkeit auf fast allen Ebenen ein bisschen ab: Die Liebe lernt ihre Grenzen kennen, die ersten Streits enden unversöhnlich, Ecken und Kanten des anderen beginnen zu nerven und auch auf der sexuellen Ebene pustet der Wind nur noch mit geringer Windstärke. Eigentlich eine ganz normale Entwicklung, denn die Schmetterlinge landen eben nur für eine kurze Weile im Garten der Verliebtheit. Problematisch wird es allerdings dann, wenn zwischen den Bedürfnissen der Partner ein Missverhältnis herrscht und einer der beiden sich mehr Körperlichkeit wünscht als der andere.

Häufig ist es dann die Frau, die weniger Lust hat - oder glaubt, weniger Lust zu haben. Dies ist sicher auch kulturell bedingt, denn dadurch, dass Sex - oder die Verweigerung davon - im Laufe der Menschheitsgeschichte oft die einzige Art war, mit der Frauen ein wenig Druck ausüben konnten, hält sich bis heute die Vorstellung von Frauen mit Migräne und anderen "Ausreden" in den Köpfen der Gesellschaft. Die Einstellung, dass der Mann derjenige ist, der schon von Natur aus mehr Spaß an Sexualität haben muss als die Frau, wird auch heute oft noch in der Erziehung weitergegeben - und ebnet auch weiterhin den Weg dafür, Sex als Macht- und Druckmittel im Schlafzimmer einzusetzen.

Doch dieses "Spiel" ist nicht ganz ungefährlich, denn es bringt die Sexualität als Ausdrucksform von Liebe auf eine recht pädagogische Ebene, auf der sie dazu verwendet wird, jemanden zu bestrafen wenn es zum Beispiel Streit gab oder man seinen Willen nicht durchsetzen konnte. Dies kann zu einem Teufelskreislauf führen, unter dem auch die Unbeschwertheit von Sex leidet: Denn wenn die Rationierung von Sex als Druckmittel eingesetzt wird, bedeutet das ja auch unweigerlich, dass die Male, in denen es zu Körperlichkeit kommt, rein strategischer Natur sein könnten - und nicht einfach aus Lust oder Sinnlichkeit resultieren. Dies kann auch das Vertrauen schmälern und die Beziehung belasten.

Dass das Bedürfnis nach Sexualität aus körperlichen Gründen oder stressbedingt auch mal längere Zeit nachlassen kann, ist sicher nicht ungewöhnlich. Doch wenn weder Krankheit noch Anspannung einer gesunden Sexualität im Wege stehen, ist es vielleicht Zeit, sich einmal grundlegendere Gedanken über die Beziehung zu machen. Denn dass die Verweigerung von Sex mit dem Hintergrund zu bestrafen oder zu beeinflussen eingesetzt wird, ist vielen Menschen gar nicht bewusst. Und auch wenn der Sex mit den Jahren einer Beziehung an Häufigkeit verliert, kann eine Flaute im Bett auch ein Warnsignal sein: Viele Paare haben verlernt miteinander zu sprechen und so wird versucht die Probleme, die es auf der einen Ebene gibt, mit Druck auf einer anderen Ebene zu kompensieren. Und das ist nicht nur kontraproduktiv sondern auch ein Ausdruck von Hilflosigkeit: Denn Sex zu haben oder zu verweigern, ist letztlich auch eine Form von Kommunikation: Man redet miteinander oder man schweigt sich an. Es ist also ratsam den Versuch zu wagen, die Kommunikationskultur in einer Beziehung zu überprüfen. Und dann ist vielleicht auch das "Diskutieren auf körperlicher Ebene" wieder ein Stück befreiter.

Von Lea-Patricia Kurz