Es ist eine wichtige, noch zu stürmende Bastion der Emanzipation: Die Frauen von ihrer passiven Rolle in Erotik und Sexualität zu befreien und aus einem öffentlichen Objekt ein Subjekt zu machen. Denn ein Objekt ist passiv und hat keine eigenen Fantasien, Wünsche oder Bedürfnisse. Nicht so aber die Frau! Ihre Fantasie ist genauso rege wie die eines Mannes - und sollte dieselbe Beachtung finden.

Dass Männer angeblich ständig an Sex denken, ist eine allgemein verbreitete Ansicht, dass Frauen das vielleicht ebenso tun, hingegen völlig unklar. Denn es gibt kaum Studien darüber, ob und welche Fantasien die Frauen in Bezug auf Erotik haben. Der britische Professor Brett Kahr hat sich vor einigen Jahren den Sexfantasien von Männern und Frauen in einer Studie gewidmet. 19.000 Britinnen und Briten wurden befragt - und was viele Paare, die sich auf Augenhöhe begegnen, wohl schon wissen oder (aus)leben, hat sich dort auch in Zahlen niedergeschlagen: Frauen sehen sich eben nicht nur als Projektionsfläche männlicher Fantasien. Auch wenn es diese männlichen Fantasien sind, die im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung stehen, haben Frauen durchaus konkrete Vorstellungen davon, was sie im Bereich der Sexualität gern einmal erleben möchten - und mit wem.

Ob bisexuelles Liebesspiel, Fesselspiele oder Sex mit einem Prominenten - Frauen sind bezüglich auf Liebe, Lust und Zärtlichkeit genauso kreativ wie Männer. So stellte sich zum Beispiel heraus, dass 90 Prozent der Frauen davon träumen, Sex mit Männern zu haben, mit denen sie gar nicht zusammen sind. Vier von zehn Frauen haben dabei den Arbeitskollegen im Auge … Hoch im Kurs ist auch das Spiel der Voyeure: 22 Prozent der Frauen würden sich gern mal beim Sex beobachten lassen. Auch Dominanz und Unterwerfung sind kein Monopol männlicher Fantasien, sondern ebenso für Frauen durchaus ein Thema, wenn es um die eigenen Wünsche geht. Dass es einen gravierenden Unterschied zwischen der Fantasie und ihrer Realisierung gibt, zeigt die Tatsache, dass keine Frau dies auch in grausamer Realität am eigenen Leib erfahren möchte - Rollenspiele ausgenommen.

Doch dient so ein schöpferisches Kopfkino lediglich zur Anregung der eigenen Lust oder sollte man es mit dem Partner teilen? Das liegt wohl ganz in Ihrem eigenen Ermessen. Zum einen, ob es für Sie selbst wichtig ist, ihre Fantasien zu teilen und zum anderen, ob es in so einem Maße wichtig ist, dass Sie auch in Kauf nehmen würden, Ihren Partner damit eventuell zu verletzen. Denn dass die eigene Partnerin zum Beispiel vom Sex mit anderen träumt, ist nicht für jeden Mann leicht hinzunehmen - auch wenn vergleichbare Studien zeigten, dass auch Männer von ähnlichen "erotischen Zusammenkünften" mit der mysteriösen Fremden oder einer Prominenten träumen. Mit Ihrem Partner über Ihre Fantasien zu sprechen, kann also auch nach hinten losgehen. Vor allem, wenn die Gefahr besteht, dass Ihr Partner den Anspruch hat, diese Wünsche zu erfüllen - und es vielleicht aus verschiedenen Gründen nicht kann oder will.

Kein Hinderungsgrund Ihrem Liebsten die verborgenen Seiten Ihrer Lust zu zeigen sollte hingegen Scham sein. Viele Frauen tragen noch tief liegende gesellschaftliche Konditionierungen in sich, die wie eine Barriere zwischen der Selbst- und der Fremdwahrnehmung des eigenen Körpers stehen. Jahrhunderte lange Unterdrückung von Weiblichkeit und weiblicher Sexualität sind eben nicht mal eben in einigen Jahrzehnten ausgemerzt. Denn dass 16 Prozent der befragten Studien-Teilnehmerinnen angaben, keine Sexfantasien zu haben, hält Brett Kahr für bedenklich: Die Verleugnung sexueller Fantasien deute unter Umständen auf starke Scham- und Schuldgefühle hin. Und die sind wohl weder natürlich noch notwendig: Denn die Lust in der Fortpflanzung des Menschen ist nun mal ein Bestandteil seines Seins - egal ob Mann oder Frau.

Von Lea-Patricia Kurz