Zu Anfang hängt der Himmel voller Geigen: Die Schmetterlinge schlagen mit den Flügeln und die rosarote Brille der Verliebtheit sorgt dafür, dass der Partner in engelsgleichem Licht erscheint. Vollkommen scheint er zu sein, makellos und charakterstark - einfach zu schön um wahr zu sein! Und so ist es dann auch, denn: Nobody is perfect. Die Hormone haben uns wieder einmal einen Streich gespielt und uns glauben gemacht, dass es an diesem Partner nichts zu bemängeln gäbe. Aber mal ehrlich: Ewige Harmonie und fehlende Reibereien wären doch auf Dauer auch langweilig, oder?

Und so kommen mit der Zeit die ersten Fehler und Macken ans Licht und wir beginnen den Kleinkrieg der Nörgeleien: Ständig liegen die Socken des Partners herum, die Zahnpastatube ist deckellos, das Trinken aus der Milchflasche unhygienisch und der Käse wird in der Mitte immer dünner, weil keiner Lust hat, die Rinde am Rand abzuschneiden.

Den Damen der Schöpfung schreibt man bei diesem verbalen Gemetzel eine besonders große Zugkraft zu, während er in Gnädigkeit schweigt. Stimmen diese Vorurteile - und wenn ja: Woran liegt das?
Tatsächlich sind Frauen in Beziehungen oft "engagierter" - um es mal diplomatisch auszudrücken. Sie begreifen ihre Partnerschaft als eine Aufgabe, an der es zu arbeiten gilt. Sie sehen Liebe als ein nicht-statisches Konstrukt an, mit dem man wachsen kann - und dazu gehört es eben auch, Dinge, die einen stören, anzusprechen. Männer hingegen nehmen Kritik auch mal persönlich, sie fühlen sich angegriffen und reagieren sehr still - sie schweigen.

Zur Verteidigung des weiblichen Geschlechts sei gesagt, dass hier auch ein ungünstiges Frauenbild eine Rolle spielt. Denn das, was bei Frauen als Zickigkeit beschrieben wird, nennt man bei Männern Schlagfertigkeit und wo sie nörgelt, kritisiert er nur. Recht unfair und eigentlich müsste man sagen: Wo gekämpft wird, müssen gleiche Regeln gelten!

Doch manchmal ist es auch viel ernster. Denn nicht wenige Paare landen auf diese Weise in einer Sackgasse. Sie nörgelt, er schweigt - und die Dinge bleiben ungeklärt. Um diesem Kreislauf zu entgehen ist es wichtig, die Kritik in einer Situation anzubringen, in der man sich nicht unmittelbar darüber ärgert. Zum einen nimmt es dem eigenen Tonfall auf diese Weise die Schärfe, zum anderen besteht so die Möglichkeit, in einem ruhigen, möglichst sachlichen Rahmen über die Dinge zu sprechen.

Kritisch wird es dann, wenn das Problem besprochen und geklärt wurde und nur kurz darauf ein nächster Mangel entdeckt wird. Dann könnte es sein, dass wohl doch mehr dahinter steckt, als die Sache an sich. Denn was die meisten nicht wissen: Nörgelei kann seine Ursachen auch in einer Nähe-Distanz-Störung haben. Nähe kann auch Ängste auslösen, die durch Gemecker und ewiges Kritisieren wieder aufgelöst und in Distanz umgewandelt werden.

Daraus kann sich schnell ein Muster entwickeln, das nur schwer zu durchbrechen ist. Aggressionen sammeln sich im Unbewussten und können irgendwann gefährlich werden und sogar Gewalt auslösen. Wichtig ist es in so einem Fall, auf Distanz zu sich selbst zu gehen. Gemeinsam oder mit Hilfe eines Therapeuten kann dann sortiert werden, wo die Kritik berechtigt ist und wo das Genörgel nur Kompensation für tiefer liegende Probleme ist.

Von Lea-Patrica Kurz