Das Schönheitsideal der meisten Männer ist klar: Kurvig, schlank und sinnlich. Wobei schlank - glaubt man den Bildern von Frauen in einschlägigen Männer-Magazinen - manchmal schon fast an knochig grenzt.

Unter diesem Aspekt mutet eine Studie aus Großbritannien sehr interessant an. Hier haben zwei britische Psychologen eine Gruppe von Freiwilligen auf verschiedene Art unter Stress gesetzt und sie danach Frauenbilder unter den Aspekten von Attraktivität und idealem Körperbau bewerten lassen. Ihr Ergebnis: Männer, die unter Stress stehen, verschieben ihr Idealbild deutlich in Richtung der etwas korpulenteren und kräftigeren Frauen.

Aber was heißt das eigentlich? Abgesehen davon, dass die Studie nicht repräsentativ ist (die Teilnehmer wurden zufällig ausgewählt), ist auch die Bildung eines Schönheitsideals von so vielen Faktoren abhängig, dass es schwer ist, aus dieser einzelnen Studie nun Schlüsse über "den" Mann oder "das" Schönheitsideal zu ziehen. Nur in einem Kontext mit anderen Studien könnte sich ein brauchbares Gesamtbild ergeben. Doch dafür fehlen leider Studien aus ganz anderen Zeitperioden - denn dass es DAS Schönheitsideal nur in der Masse geben kann und so ein Ideal nichts Feststehendes ist, beweist schon die Geschichte der Menschheit: Von der Sonne tief gebräunte Haut wäre im viktorianischen Zeitalter genauso unattraktiv gewesen, wie es große, hängende Brüste aus der Altsteinzeit heute sind. Auch leichter zu verändernde Attribute wie Frisuren, Schminke oder Kleidung haben sich allein in den letzten hundert Jahren geändert. Die gewellte, kinnlange Damenfrisur wird heute höchstens aus nostalgischen Gründen und zu besonders feierlichen Anlässen wie Hochzeiten oder Kostümbällen getragen.

Und neben Zeitalter und Modetrend hat auch die Kultur noch ein Wörtchen mitzureden. Was in unseren Breitengraden penibel kaschiert oder weggehungert wird, gilt beispielsweise in Teilen der arabischen Welt als Inbegriff von Weiblichkeit: Gut genährte Rundungen.

Es ist eben immer eine Frage, was genau mit einem Schönheitsideal verbunden wird. Meist geht es darum, etwas "Besonderes" zu sein, also was häufig vorkommt - wie beispielsweise die Mandelaugen in Asien - wird verschmäht. Hier ist die Lidfalte ein besonderes Attribut für Anmut, während Europäer gerade den schrägen, tief liegenden Augen der Asiatinnen verfallen. Auch der jeweilige Status beziehungsweise die gesellschaftlichen Verhältnisse im jeweiligen Land spielen eine Rolle: Extreme Schlankheit ist in Ländern mit Nahrungsknappheit mit Sicherheit kein anzustrebendes Merkmal für Attraktivität. Und Lippenteller in Europa zu tragen wäre hier wahrscheinlich genauso bizarr, wie sich mit Pumps und Lackklamotten unter ein afrikanisches Urvolk zu mischen.

So lohnt es sich immer, den eigenen Anspruch an Schönheit stets neu zu überdenken, und auch das Bedürfnis, dem (zukünftigen) Partner gefallen zu wollen, nicht an ein zu hohes und zu weit entferntes Maß  anzulegen. Wer glaubt, mit Chirurgie nachhelfen zu müssen, verleugnet nicht nur zu einem Teil sich selbst, sondern vergisst auch eines: Die persönlichen Vorlieben des Einzelnen weichen doch auch immer ein Stück weit von einer angeblichen Vollkommenheit ab. Sich über all diese Aspekte von Schönheit und ihrer Norm Gedanken zu machen, führt vielleicht dazu, den enormen Druck, der mit dem Thema einhergeht, ein wenig zu lösen und auch das eigene Äußere mit einem weniger kritischen Blick zu betrachten. Auch wer bei der Partnersuche ein besonders strenges Richtmaß an den Partner anlegt, sollte sich darüber im Klaren sein, dass nicht nur die (eigene) Schönheit vergänglich ist, sondern eben auch ihr Ideal …

Von Lea-Patricia Kurz