Bei Schüchternheit denkt man zunächst an stille, zurückhaltende Mäuschen-Typen, die kaum den Mund aufkriegen und irgendwie nur Beiwerk sind im gesellschaftlichen Leben. Man denkt meist an Frauen - denn die wurden zur Zurückhaltung erzogen - sieht peinliche Situationen vor sich, hält Schüchternheit für eine recht harmlose Charakter-Eigenschaft und würde sie selten den ganz großen Stars unterstellen. Doch was hat es tatsächlich auf sich mit den schüchternen Menschen?

Schüchternheit ist zunächst einmal alles andere als harmlos und meist leiden die Betroffenen sehr darunter. Denn diese Form der Zurückhaltung basiert auf der Angst von anderen Menschen negativ beurteilt oder kritisiert zu werden. Infolgedessen meiden schüchterne Menschen Situationen, in denen sie mit Kritik - im schlimmsten Fall sogar mit Menschen generell - konfrontiert werden können. Nicht selten entstehen daraus so genannte "soziale Phobien", die ein normales Leben fast unmöglich machen.

Dass es solche Menschen in der Liebe alles andere als leicht haben, ist fast schon logisch. Denn besonders in diesem Bereich zwischenmenschlichen Miteinanders geht es darum, wie man "ankommt", es geht um Beurteilung, um Anerkennung und darum, sich verletzlich machen zu müssen, um Nähe herzustellen. Für schüchterne Menschen kann die Partner-Suche somit zur Tortur werden.

Auch wirken schüchterne Menschen auf den ersten Blick auf viele Menschen nicht sehr anziehend, sie fallen ja auch kaum auf. Abenteuer, Erotik und Unterhaltung würde man ihnen zunächst wohl nicht zuschreiben und so sind es oft diejenigen, die auffallen, selbstbewusst rüberkommen und sich ebenso kleiden, die es einfacher haben, einen Partner zu finden.

Und dabei ist Schüchternheit gar kein Ausnahme-Phänomen. Jeder hat sich wohl in seinem Leben schon unsicher gefühlt oder war von Angst vor Kritik erfüllt. Kritisch wird es allerdings erst dann, wenn der Leidensdruck der Betroffenen zu groß wird. Dies ist dann der Fall, wenn der schüchterne Mensch die Hälfte des Tages an seine Schüchternheit denkt, wenn er depressiv wird oder gar Suizidgedanken hat.

Unter anderem in gezielten Therapien können diese Menschen jedoch lernen, ihre Schüchternheit zu überwinden. Dabei begeben sie sich wieder und wieder in genau die Situationen, die ihnen Angst machen, um mit Hilfe der so genannten Habituation, also Gewöhnung, zu lernen, dass ihre Angst unbegründet ist.
Auch die Partnersuche kann auf diese Weise "trainiert" werden. Sich beispielsweise wieder und wieder in die herausfordernde Situation eines Dates zu begeben, kann einem schüchternen Menschen mit der Zeit eine gewisse Übung verschaffen. Die Phase des Ansprechens und Kennenlernens wird dadurch als immer weniger bedrohlich wahrgenommen.

Und so emotionslos wie auf den ersten Blick gedacht, sind schüchterne Menschen auch gar nicht. Die Tatsache, dass sie manchmal jahrelang keine Möglichkeit hatten, jemandem nahe zu sein und Liebe zu schenken, kann den einen oder die andere von ihnen zu sehr leidenschaftlich Liebenden machen. Immerhin mussten sie jahrelang warten und wissen das Geschenk der Liebe dann noch ein bisschen mehr zu schätzen als jemand, dem die Herzen nur so zufliegen und für den Anerkennung und Aufmerksamkeit eine Selbstverständlichkeit sind.

Von dieser Seite aus betrachtet lohnt es sich vielleicht auch für Sie einmal, die schüchterne Bedienung in ihrem Stammlokal nach ihrer Telefonnummer zu fragen oder den zurückhaltenden neuen Kollegen aus dem Freitagsmeeting in der Mittagspause in die Kantine einzuladen. Und sollte Ihnen bei einem Date mit einer Internetbekanntschaft auffallen, dass die Wortgewalt aus den E-Mails wie verflogen scheint, haben Sie ein wenig Verständnis - im Internet ist vieles einfacher.

Von Lea-Patricia Kurz