Es gibt Worte, die hätten wahrscheinlich vor nicht allzu langer Zeit noch völlige Ratlosigkeit bei den Menschen ausgelöst - und gemeint sind nicht die Worte, die direkt mit Digitalität und technischem Fortschritt zu tun haben. Nein, ganz banale Worte, die erst an Bedeutung gewinnen, wenn ihr Antonym völlig ausgereizt ist. "Entschleunigung" ist so ein Wort.

Zu Anfang konnte es gar nicht schnell genug gehen: Entwicklung, Fortschritt, Wachstum - und das alles möglichst schnell und schneller. Noch Anfang dieses Jahrtausends war zwar die eigene E-Mail-Adresse schon gang und gäbe, aber eine eigene private Website hatte kaum einer. Das Handy hatte seinen Weg in unseren Alltag begonnen, doch die "WAP-Fähigkeit" der kleinen Telefone war arg beschränkt - und ebenso befremdlich. Und auf Singleseiten suchte man eher noch nach neuen Freunden als nach der großen Liebe.

Aber wie es mit der Technik ist, wenn sie erst einmal salonfähig wird, haben Fortschritt und Wachstum dem Einzelnen in den letzten zehn Jahren arg zugesetzt. Wir wurden 24 Stunden erreichbar, waren fast immer online und der Feierabend war längst kein Abend mehr, sondern wurde oftmals eine Nacht - wenn er überhaupt existierte. Nur wer gestresst war, konnte etwas auf sich halten und oft litten Privatleben und Gesundheit.

Dass der Mensch dieser fortwährenden Belastung aus Arbeit und fehlendem Privatleben nicht auf Dauer standhalten konnte, war klar - und die Veränderung begann, als die Burnout-Quote zu hoch wurde. Seit einiger Zeit weht ein neuer Wind: Die Gesellschaft entschleunigt. Besinnt sich der Mensch wieder auf sich selbst? Wie sonst ließe sich der Anstieg an Wellness-Angeboten erklären oder die Durchsetzung fernöstlicher Ansätze wie Yoga oder Meditation? Auch der Boom ökologischer Produkte geht einher mit einem größeren Bewusstsein für den eigenen Körper und sein Wohlbefinden. Und viele Firmen haben begriffen, dass ihre Mitarbeiter leistungsfähiger sind, wenn sie genug Urlaub, weniger Überstunden und mehr Zeit für Pausen haben. Einige wenige haben sogar Ruheräume für ihre Angestellten eingerichtet.

Schade nur, dass Trends - woher auch immer sie kommen und was auch immer sie bezwecken - stets kommerzialisiert werden und damit die Gefahr droht, dass auch sie das Schicksal jedes Trends ereilt und mit der Zeit ihr Wert verfällt. Dabei wäre die dauerhafte Entschleunigung ein so guter Weg. Denn was im Hamsterrad der Zeit bei vielen vor allem auf der Strecke bleibt, ist die Liebe. Viele Partnerschaften existieren bei Dauerstress irgendwann nur noch auf dem Papier. Ob 60-Stunden-Woche oder Fernbeziehung - auch die größte Liebe muss irgendwann kapitulieren, wenn sie immer nur zurücksteckt. Denn vom Chef oder den Kollegen Verständnis zu fordern ist viel schwieriger, als vom Partner. Sätze wie "Schatz, ich komme heute später" oder "Wir müssen den Kinobesuch leider verschieben" häufen sich, wenn man erst einmal in die Tretmühle der Schnelligkeit geraten ist.

So ist es eine Chance, dass der neue Trend nun zur Langsamkeit geht. Und die Chance für die Liebe liegt hier bei sich selbst: Mehr Zeit füreinander bedeutet mehr Zeit für die Partnerschaft. Bleibt zu hoffen, dass die Liebe den Raum nutzt, der ihr dadurch geboten wird. Dass sie sich so sehr entfaltet und breit macht, dass ein Folge-Leben ohne sie undenkbar wird. Denn dann ist es völlig egal, ob Trend oder nicht.

Von Lea-Patricia Kurz