Es ist wohl eine der bedeutendsten Fragen der die Menschheit sich gegen Ende des 21. Jahrhunderts gestellt hat - zumindest, wenn man Männer- und Frauenzeitschriften für den Spiegel der Gesellschaft hält. Und auch heute, ein gefühltes Jahrhundert später, ist es das Thema schlechthin: Wie viel Sex braucht der Mensch? Was ist normal? Was ist zu viel, ja, vielleicht sogar schon krank? Und bin ich vielleicht sexsüchtig? Oder mein Partner frigide?

Das Problem ist ja, dass man sich zu Anfang einer Beziehung mit Haut und Haaren verspeisen möchte. Sich mehrmals am Tag an den unmöglichsten Orten zu lieben, wieder und wieder - und das über Wochen oder sogar Monate, setzt den eigenen quantitativen Maßstab ziemlich hoch. Natürlich ertönt nach dieser Anfangsphase kein Paukenschlag, der das Ende von Leidenschaft und Begehren anzeigt. Aber mit einem gewissen Alltag, der in die Beziehung einkehrt, glätten sich auch langsam die Laken und die Stürme der Erotik werden schwächer. Die Lust aufeinander wird geringer - und genau da setzt das zweite Problem ein: Der Maßstab der allgemeinen Meinung.

Denn die besagt, dass Sex regelmäßig stattfinden muss. So, wie man regelmäßig zur Arbeit geht, Sport treibt oder in den Urlaub fährt, sollte auch das Sexleben eine adäquate Regelmäßigkeit aufweisen. Und an dieser Umschlagszahl lässt sich dann sogar noch etwas über die Qualität der Beziehung aussagen.

Doch ohne Sarkasmus betrachtet, müsste allein die Formel schon zu denken geben: Quantität als Maßstab für Qualität? Nicht nur aus betriebswirtschaftlichem Blickwinkel klänge es absurd, auch menschlich entbehrt es jeder Grundlage. Und doch hält sich dieser Trugschluss hartnäckig: Paare, die eine längere Zeit keinen Sex hatten, beginnen, sich zu fragen, was falsch läuft oder ob mit ihnen was nicht stimmt. Bedient man hier nun wieder das Klischee, so wird sie sich fragen, ob sie alt geworden ist und er wird nach Rettungsringen um seine Hüften suchen.

Und dabei könnte es so einfach sein. Denn Lust ist genauso individuell, wie es Liebe ist. Nicht nur die verschiedenen Vorlieben machen dies eigentlich schon deutlich, nein, auch die Realität spricht eine deutliche Sprache - nur kennt man diese leider nicht, denn die Betten der anderen sind tabu und die Hochglanzmagazine leben vom Mythos. Dabei erleben die wenigstens Paare noch nach Jahren der Beziehung ein Dauer-Feuerwerk - und kaum eine Partnerschaft, in der "es" planbar wäre. Trotzdem machen sich die meisten Menschen einen enormen Druck - eben weil die gängige Meinung eine andere ist. Und weil vielleicht an dem Ausspruch, unsere Gesellschaft sei "oversexed und underfucked" mehr dran ist, als uns lieb ist.

Für diejenigen, die es dann doch gern noch wissenschaftlich hätten, gibt es allerdings eine gute Nachricht: Hormonexperten wissen inzwischen, dass Begehren als Zeichen von Liebe kein Indikator sein muss und kein Grund zum Zweifeln vorliegt, wenn die Lust nachlässt. Paare finden mit der Zeit andere Möglichkeiten, ihrer Liebe Ausdruck zu verleihen, die weniger körperlich sind. Und auch der Appetit muss nicht ständig da sein - sondern kann beim Essen kommen.
Wirklich Fakt bleibt wohl letztlich nur eins: Gut ist, was sich gut anfühlt. Und genug ist, wenn es reicht.

Von Lea-Patricia Kurz