"Und 1989 entwickelte ein amerikanischer Politikwissenschaftler eine Theorie über das Ende der Weltgeschichte… Doch viele Leute wussten nichts von dieser Theorie und schrieben weiterhin Geschichte, als sei nichts passiert." Europeana: Eine kurze Geschichte Europas im 20. Jahrhundert, Patrik Ouředník

In der Jahrhunderthalle Bochum zeigt der renommierte Komponist und Theatermacher Heiner Goebbels seine neue, großformatige Arbeit Everything that Happened and Would Happen, die das zurückliegende Jahrhundert als eine Geschichte der Krisen und Widersprüche erzählt. Die installative Performance bricht mit dem Konzept linearer Geschichtsschreibung und zeichnet vielmehr eine Landschaft fragmentarischer Ereignisse, in der das Triviale und das vermeintlich Bedeutsame gleichberechtigt nebeneinander stehen, sich überlagern und gegenseitig überschreiben Everything that Happened and Would Happen lädt dazu ein, unterschiedliche Versionen unserer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu imaginieren. Wechselnde Beziehungen und Allianzen zwischen Körpern, Objekten und Bildern lassen einen poetischen Raum entstehen, der insbesondere dann spürbar wird, wenn sich das Gleichgewicht der Machtverhältnisse verändert, und gerade die Stimmen und Erzählungen, die gewöhnlich an den Rand gedrängt werden, in den Vordergrund treten. Everything that Happened and Would Happen erinnert uns daran, dass das Menschliche und das Nicht-Menschliche unentwirrbar miteinander verbunden sind, wenn es darum geht gemeinsam eine lebenswertere Zukunft zu gestalten. Das Ensemble aus 20 Musiker*innen, Tänzer*innen und Performer*innen verhandelt innerhalb eines kollaborativen Prozesses die Möglichkeit Gemeinschaft zu bilden, ohne zugleich Widersprüche und Spannungen aufzulösen. Der Abend ist eine offene Einladung zur Reflektion darüber, was europäische Identität ausmacht, worin sie ihre Ursprünge hat und wie ihre Zukunft aussehen könnte. 

Text: Matthias Mohr


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