Aus Anlass des zunehmenden nationalen Chauvinismus in vielen Ländern in und außerhalb Europas beschäftigt sich der Schweizer Regisseur Christoph Marthaler in seiner Kreation Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend für die Ruhrtriennale 2019 mit dem Verlust von Demokratie. In den Jahren vor 1914 braute sich ideologisch zusammen, was sich dann in zwei Weltkriegen und im Holocaust entlud. Heute erleben wir erschreckend ähnliche Artikulationen in Politik und Öffentlichkeit. In nicht wenigen Ländern Europas drohen demokratische Strukturen einem neuen Totalitarismus zu weichen. Die nationalistische und rassistische Aufrüstung zur Verteidigung alter Besitzverhältnisse scheint attraktiver zu sein als ein transnationales Projekt aufgeklärter europäischer Individuen und eine offene, diverse Gesellschaft. Antidemokratische und aggressive Exklusion, Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus sind wieder gesellschaftsfähig geworden. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ging es, ähnlich wie heute, um Ausgrenzung und Auslöschung der Menschen, die man zu Unbrauchbaren, zu Außenseiter*innen erklärt hatte. 

Letzte Komposition vor der Deportation

In seinem musikalischen Zentrum ist das Projekt Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend den aus Prag und Wien vertriebenen Komponisten wie Pavel Haas, Viktor Ullmann und Alexandre Tansman gewidmet. Sie wurden deportiert, ermordet oder gingen in die Emigration. Viele der Kompositionen sind im Konzentrationslager Theresienstadt entstanden, teilweise sind sie Fragmente geblieben. Viktor Ullmann schrieb die Noten seiner letzten Komposition unmittelbar vor der Deportation nach Auschwitz.

Ein imaginiertes Weltparlament


Die Musik erklingt in Marthalers Inszenierung in einem imaginierten Parlament, in dem Abgeordnete dokumentierte Reden aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, der Gegenwart und der nahen Zukunft halten, die katastrophale Zivilisationsbrüche bezeugen. Die Produktion wird für das Auditorium Maximum der Ruhr-Universität Bochum kreiert, das sich in ein Weltparlament verwandelt, in dem die Zuschauer*innen aus der Gegenwart und einer erkennbaren Zukunft auf ein zerstörtes Europa blicken.


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