Bühnenbildentwurf zu "All the Good" © J. Lauwers

Das Kollektiv Needcompany zählt seit den 80ern zur europäischen Theater-Avantgarde und löste mit seiner bahnbrechenden Ausdrucksweise einen radikalen Wandel in den Künsten aus.

In seiner neuesten Arbeit All the Good, die im Rahmen der Ruhrtriennale am 22. August in Gladbeck Premiere feiern wird, kreiert Regisseur Jan Lauwers mit der Needcompany, die von ihm, Grace Ellen Barkey sowie Maarten Seghers geleitet wird, eine Chronik von Verlust und Hoffnung. 2014 trifft Lauwers den israelischen Elitesoldaten und Kriegsveteranen Elik Niv, der nach einem schweren Unfall professioneller Tänzer wurde. Sie diskutieren über seine Militäreinsätze und seine Entwicklung als Tänzer. In die Zeit dieser Gespräche fallen die Brüsseler Bombenanschläge am Flughafen Zaventem und am U-Bahnhof Maalbeek.

Alltagssorgen, Krieg und Terror

All the Good ist eine Geschichte mit doppeltem autobiographischem Hintergrund, auf der einen Seite Eliks Leben, auf der anderen das von Jan Lauwers, seiner Frau Grace Ellen Barkey und ihren Kindern: eine Künstlerfamilie zwischen Alltagssorgen und der Allgegenwärtigkeit von Krieg und Terror.

Die Dramaturgin und Theaterwissenschaftlerin Julia Naunin ist im ‚Needlapb‘ Zeugin der ersten öffentlichen Probe von All the Good:

Roland Barthes Formulierung: "‚Hör mir zu‘ heißt: Berühre mich, wisse, dass ich existiere"¹ fällt mir ein. Ich höre nicht nur biografische und nicht-biografische Geschichten der Akteur*innen, sondern in meinem zuhörenden Zuschauen entwickeln sie eine taktile körperliche Dimension und berühren irritierend auf eine geradezu notwendige Art und Weise das, was ich bezeuge.

"Brutstätte der Gewalt"

‚Needlapb‘ bedeutet, wir erleben eine mögliche Version des neuen Stücks; die Kompagnie teilt ein sehr frühes Stadium im Arbeitsprozess mit geladenen Gästen. Es wird hauptsächlich im MILL erarbeitet, das ist das Produktionshaus der Needcompany in Brüssel-Molenbeek, ein Stadtteil, den die kommunale Bürgermeisterin Françoise Schepmans 2016 nach den Terroranschlägen als "Brutstätte der Gewalt" bezeichnete.

"All the Good" basiert auf biografischen Erzählungen aller Akteur*innen – sie berichten, erfragen und bezweifeln die Biografien der Mitspieler*innen auf flämisch, englisch, französisch, portugiesisch, hebräisch. Lauwers eigene familiäre Verflechtungen stellt der Schauspieler Benoît Gob zunächst in einer Lippensynchronisation (Micky Mousing) vor. Aus dieser Stellvertreter-Konstellation entstehen einerseits zweifelhafte und anderseits distanzlose, scheinbar übergriffige Szenen zwischen Gob mit Lauwers Ehefrau Grace Ellen Barkey, mit der gemeinsamen Tochter Romy und dem Sohn Victor Lauwers. Die biografischen Erfahrungen werden in einer Rahmenhandlung vermittelt, die mit dem benannten Bewusstsein einhergeht, dass es falsche Erzählungen ebenso wie irrende Erzähler*innen gibt, das sind solche, die erfinden und zuschreiben und hoffnungsvoll oder wütend dichten. Das Stück wirft die vielschichtige Frage auf, wer wessen Geschichte erzählt, dadurch die Lebensgeschichte eines Menschen legitimiert und ihr zugleich fragile Glaubwürdigkeit und Gültigkeit verleihen mag.

Zersplitternde Identitäten

Die Needcompany arbeitet auch immer nonverbal, körperlich, klanglich, instrumental, laut, leise, visuell und räumlich. In diesem Stück steht ein Objekt im Zentrum der Bühne, das ein vielschichtiges Wissen bündelt. Dafür wurden circa 800 zerbrechliche und potenziell verletzende mundgeblasene Vasen von Mamhoud in Hebron/ Westjordanland gefertigt. Sie gelten, so Lauwers, als "weltliche Tränen, die einen Kontakt mit Allah ermöglichen." Zersplittern Identitäten in situativen sowie in medialen Narrativen wie Glas?


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¹Roland Barthes: Zuhören. In: Ders.: Der entgegenkommende und der stumpfe Sinn. Kritische Essays III, aus d. Franz. v. Dieter Hornig. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1990, S. 249–263, hier S. 255 (Herv. i. Orig.). Diesen Ansatz erweitert Barthes auch auf Zuhörerkörper, und er redet davon, dass "das Zuhören spricht" (ebd.).