Im Hirnstamm läuft unser zentrales Nervensystem zusammen. Hier werden unter anderem motorische Prozesse, z.B. die Bewegung der Augenmuskeln, gesteuert. Auch lebenswichtige Reflexe wie Erbrechen, Schlucken und Husten werden im Hirnstamm ausgelöst. Kommt es innerhalb dieser engen Strukturen zu Gefäßveränderungen, Blutungen oder Tumorwachstum, ist die Behandlung durch einen ausgewiesenen Spezialisten erforderlich. Prof. Dr. med. Helmut Bertalanffy ist Spezialist für Neurochirurgie und Direktor der Vaskulären Neurochirurgie am International Neuroscience Institute (INI) Hannover. Er hat bereits mehr als 400 Patienten mit krankhaften Hirnstamm-Veränderungen operiert und erhält Zuweisungen aus allen Teilen Europas, dem Nahen Osten und Übersee. Warum bei Erkrankungen des Hirnstamms Spezialisten gefragt sind, erklärt sich durch seinen Behandlungserfolg bei einer 20-jährigen Patientin aus dem europäischen Ausland: "Bei ihr hatte eine Gefäßmissbildung, ein sogenanntes Kavernom, starke Blutungen im Mittelhirn ausgelöst. Sie konnte nicht mehr laufen, schlucken, ihr Gesicht war gelähmt und es war klar, dass sie ohne Behandlung sterben würde. Die Ärzte in ihrem Heimatland hatten sie aufgegeben. Die Eltern der jungen Frau haben sich in ihrer Verzweiflung an unsere Klinik gewandt. Die Befundbilder zeigten jedoch, dass die Erkrankung der Patientin sehr wohl behandelbar ist. Als sie hier in Hannover eintraf, war sie bereits nicht mehr ansprechbar und reagierte kaum noch auf Reize. Es ist uns gelungen, Blut und Kavernom zu entfernen. Die junge Frau ist nach der OP aufgewacht und zeigte innerhalb von wenigen Tagen wieder normale Reaktionen. Nach einer Woche konnte sie bereits über die Klinikflure laufen und hat wenige Monate später ein Studium aufgenommen. Sie lebt heute völlig normal, ohne neurologische Ausfälle. Wenn man einem Menschen, der bereits aufgegeben wurde, zurück ins Leben helfen kann, ist das für mich das schönste Geschenk".

Winzige Veränderungen im Hirnstamm lösen multiple Symptome aus  

Zu den häufigsten intrinsischen Erkrankungen des Hirnstamms, die Prof. Bertalanffy und sein Team behandeln, zählen zum einen Hirnstammtumore (überwiegend sogenannte Gliome) unterschiedlicher Ausprägung. Sie können gut- oder bösartig sein und zeigen ein sehr unterschiedliches Wachstumsverhalten. Dies betrifft sowohl das Tempo, in dem sie sich vergrößern, als auch die Art und Weise: Diffus wachsende Tumore infiltrieren das umliegende Gewebe, während fokale Tumore es lediglich verdrängen. Zum anderen zählen Gefäßmissbildungen, am häufigsten kavernöse Hämangiome. Sie können Lähmungen und Sinnesstörungen hervorrufen. Die am meisten gefürchtete Komplikation ist eine Hirnblutung. Durch die sehr kompakte Struktur des Hirnstamms reichen bereits Millimetergroße Veränderungen, um multiple Symptome zu provozieren.

Hochspezialisierte Neuronavigation und Funktionsüberwachung  

Vor einem Eingriff am Hirnstamm müssen die exakte Lage und das Ausmaß der Erkrankung präzise dargestellt werden. Da der Zugang in jedem Fall durch gesundes Gewebe erfolgt, das so wenige Verletzungen wie möglich erleiden soll, kommen verschiedene bildgebende Verfahren zum Einsatz. Im Rahmen einer speziellen Magnetresonanztomografie (MRT) lassen sich unter anderem Gefäße, molekulare Strukturen und sogar physiologische Funktionen darstellen. Eine Computertomographie gibt Aufschluss über die knöchernen Strukturen. Mit Hilfe dieser "Landkarten" kann der Chirurg den bestmöglichen Zugang zu der erkrankten Region wählen. Aktuelle Datensätze liefert eine intraoperative MRT-Kontrolle, eine Kernspintomografie während des Eingriffs. Dies ist unter anderem wichtig bei nicht scharf abgegrenztem Tumorgewebe. Mit Hilfe der Neuronavigation, die dem Chirurgen im übertragenen Sinne wie ein Zeigestift auf einer Landkarte markiert, wo er sich befindet, kann er genau feststellen, wie viel Tumorgewebe noch entfernt werden kann, bevor gesundes Gewebe verletzt wird. Bei bösartigen Hirnstammgliomen setzt Prof. Bertalanffy zusätzlich eine sogenannte 5-ALA-Fluoreszenz ein, flüssige 5-Aminolävulinsäure: "Diese Substanz trinkt der Patient vor dem Eingriff. Der purpurfarbene Farbstoff reichert sich hauptsächlich in der Tumorzelle an. Durch Zuschalten eines UV-Mikroskopfilters kann man fluoreszierendes Tumorgewebe während der OP gut erkennen.". Mit Hilfe des sogenannten elektrophysiologischen Monitorings werden während der Operation die wichtigsten Hirnfunktionen überwacht. Dies erfolgt einerseits durch die Stimulierung der sensiblen und motorischen Nervenbahnen. Mittels Elektroden am Daumen oder den Beinen wird kontinuierlich überprüft, ob ein elektrischer Reiz eine angemessene Reaktion auslöst. Umgekehrt wird am sensorischen Cortex überprüft, ob Empfindungen von Haut, Muskeln, Gelenken, oder Sehnen den Nervenkern erreichen.   

Große Erfolge auch bei der Behandlung von jungen Patienten  

Ein Drittel von Prof. Bertalanffys Patienten sind Kinder und Babys. Und diese dürfen seiner Meinung nach keinesfalls als "kleine Erwachsene" behandelt werden. "Kinder haben eine sehr viel geringere Blutmenge als Erwachsene. Da Tumore oder Kavernome zum Teil heftig bluten, kommt es hier auf jeden Tropfen an" sagt Neurochirurgie-Spezialist Bertalanffy. Trotz der diffizilen Aspek

te bei Hirnstammerkrankungen kann Prof. Bertalanffy nach eigenen Angaben eine Erfolgsrate von weit über 90 Prozent aufweisen. Sieben Prozent seiner Patienten leiden unter milderen Nebenwirkungen, lediglich ein bis zwei Prozent behalten unerwünschte neurologische Störungen, so der erfolgreiche Neurochirurg: "Diese Behandlungserfolge sind nur möglich, wenn man vor dem Eingriff eine genaue Risiko-Nutzen-Abwägung betreibt. Ein erprobtes Zusammenspiel von chirurgischer Erfahrung, bestmöglicher Bildgebung und modernster Überwachungsmedizin sind für mich die maßgebliche Voraussetzung für jegliche Operation am Hirnstamm". 

Von Susanne Amrhein, PRIMO MEDICO


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