Zugegeben: "Wohnstift" klingt ein wenig wie aus der Zeit gefallen. Vielleicht hat deshalb der eine oder andere Unternehmer, der durch Wohnstifte groß geworden ist, den Begriff inzwischen entsorgt. Ab in die Tonne. Weg damit. So als ob man Wörter alle paar Jahrzehnte neu erfinden müsste, damit sie zum Zeitgeist passen und sich bestmöglich vermarkten lassen. Doch nicht alle pflegen die Wörter-Wegwerf-Mentalität. Und schon gar nicht ältere Menschen, für die Wohnstifte erfunden wurden. Sie lieben vertraute Begriffe wie "Gemeinschaft", "Sicherheit" und "Geborgenheit". Oder eben "Wohnstift". Begriffe haben viel mit Kultur und Werten zu tun. Und mit Verlässlichkeit. Deshalb gibt es auch heute noch Unternehmen, die älteren Menschen, die nicht mehr alleine leben möchten oder können, ein neues Zuhause in einem Wohnstift anbieten, von Berlin bis Konstanz.

Das Leben im Wohnstift vor 50 Jahren war ein anderes als das, was es heute ist. Es hat sich gemeinsam mit den Menschen und ihren Ansprüchen verändert, kontinuierlich erneuert. Und dennoch haben Wohnstifte nach wie vor einen unverwechselbaren Charakter: Die Unabhängigkeit in der eigenen Wohnung und im persönlichen Lebensstil ist verknüpft mit der Möglichkeit, Gemeinschaft zu finden, sowie mit einem Sicherheitsnetz, das individuell abgestimmte Begleitung und Pflege bereithält. Dieses Sicherheitsnetz schätzen auch diejenigen, die gesund und munter einziehen, um unbeschwert zu leben: Golf spielen statt Rasen mähen. Klavier spielen statt Wohnung putzen. Oder einen Malkurs besuchen, weil es Spaß macht, kreativ zu sein.

Wohnstifte regen an zu Hobbys und gemeinsamen Aktivitäten

Über die Bedeutung von Hobbys im Alter sagt der Psychologe Dr. Dieter Frey: "Viele Menschen erleben im Alter fast so etwas wie eine Altersdepression: allein dadurch, dass sie sich nicht mehr wertvoll fühlen, weil sie bestimmte Tätigkeiten nicht mehr ausführen können." Derjenige, der eine sinnvolle Tätigkeit findet, könne sich glücklich schätzen. Ein Hobby kann Selbstvertrauen erzeugen und laut Frey einen wesentlichen Teil zur seelischen Gesundheit und zum Wohlbefinden beitragen – dafür bieten Wohnstifte Raum und Anregung. Oftmals finden sich auch Gleichgesinnte mit ähnlichen Interessen. Musik, Fotografie, Schachspiel, Walking, was auch immer.

Auch für Bewohner, die ihren Alltag nicht mehr eigenständig strukturieren können, gibt es im Wohnstift Anregungen, und zwar im Rahmen von Tagesbetreuung oder Tagespflege. Gemeinsame Aktivitäten, die Körper und Geist fordern, fördern Lebensqualität und Lebensfreude.

Stiftswohnungen sind grundsätzlich barrierefrei, immer mit Küche und Badezimmer ausgestattet, haben meist auch einen Balkon oder eine Terrasse. Die Wohnung ist der private Rückzugsort des Bewohners, jeder richtet sie nach seinen persönlichen Vorstellungen ein. Mit liebgewonnenen Möbelstücken oder komplett neu: als Zeichen des Aufbruchs in eine neue Zeit. Heute sind viele ältere Menschen bis ins hohe Alter hinein aktiv. Entsprechend groß und vielseitig ist in Wohnstiften die Angebotspalette zur Tagesgestaltung. Das reicht von Sport- und Präventionsangeboten über Yoga, Literaturzirkel und Gesprächskreise bis hin zu hochwertigen kulturellen Veranstaltungen. Ein Rezeptionsservice sowie Hauswirtschaft, Haustechniker und gehobene Gastronomie gestalten das Leben angenehm. Oftmals ergänzen Dienstleister das Angebot im Wohnstift: Friseure, Kosmetikerinnen und andere mehr.

In Wohnstiften werden umfassende Sorgestrukturen vorgehalten

Übrigens kennen auch Roboter das Wohnstift. Die Google Suchmaschine liefert im Web-Browser Chrome dazu mehr als 100.000 Ergebnisse. Und Google erklärt sogar, was ein Wohnstift ist. Wer in der Google-Suchzeile auf das Mikrofon-Symbol klickt und fragt: "Was ist ein Wohnstift?", dem antwortet Google – hörbar weiblich – mit fester Stimme: "Das Wohnstift ist eine Form des betreuten Wohnens. Wie bei den Senioren-WGs haben die Klienten hier die Möglichkeit, die Räume, die sie bewohnen, mit ihren privaten Möbeln auszustatten. Wohnstifte bieten den Klienten attraktive Freizeitangebote vor Ort, wie z. B. Schwimmbäder und organisieren zudem kulturelle Angebote."

Was ein Wohnstifts-Experte zu dieser Definition sagt? Dr. Stefan Arend, Vorstand von KWA Kuratorium Wohnen im Alter, befindet: "Fürs Erste gar nicht schlecht. – Was Frau Google aber auch noch sagen sollte: In Wohnstiften werden umfassende Sorgestrukturen vorgehalten, für Senioren, die Unterstützung oder Pflege brauchen. Meist gibt es Tagesbetreuung und einen Pflegedienst, der rund um die Uhr präsent ist." – Die eine oder andere Schwäche sollte man "Frau Google" nachsehen: Sie liest ja nur vor, was Menschen schreiben. In diesem Fall handelt es sich um einen Lexikontext von Pflegedienst-Online.

Stiftsbewohner schätzen Freiheit, Kontakte, gutes Essen, Kultur und Sicherheit 

Und was sagen Menschen, die in einem Wohnstift leben? Dr. Ursula Wachtel, Bewohnerin eines Berliner Wohnstifts, befindet: "Man lebt sehr angenehm hier. Und man hat praktisch jede Art von Freiheit. Man kann hier Kontakte finden. Man kann allein leben. Man bekommt hier gutes Essen. Man bekommt Angebote kultureller Art." Günter Guttenberger aus Ottobrunn erklärt: "Es ist das Beruhigende hier, dass Sie eine Wohnung haben, die Sie selbst gestalten. Sie haben Versorgung. Und Sie haben Rückendeckung, wenn Hilfe gebraucht wird, im häuslichen Bereich oder im pflegerischen Bereich – das ist der Vorteil, wenn Sie in einem Wohnstift wohnen: Dass Sie alles machen können wie bisher, aber trotzdem einen abgesicherten Lebensabend haben." Gertrud Hoffmann aus Rottach-Egern berichtet: "Ich habe noch nie in meinem ganzen Leben so wenig Zeit gehabt wie hier – es ist alles so schön. Und man möchte auch alles mitmachen – ich hab‘ auch keine Sorge, wenn ich älter werde und es mir schlechter gehen würde. Ich bekomme jede Hilfe, die ich will."

Ein Film von KWA Kuratorium Wohnen im Alter beleuchtet die Philosophie eines Trägers von Wohnstiften für Senioren.


Zurück zur Startseite "Best Ager: Ratgeber für die 2. Lebenshälfte"