Rund 1,55 Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Demenz. Die Krankheit macht es häufig nicht mehr möglich, in üblicher Weise am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilzunehmen. Das liegt zum einen daran, dass sich Erkrankte oder Angehörige aus Angst zurückziehen, sich in der Öffentlichkeit nicht angemessen zu verhalten. Zum anderen fehlen entsprechende freizeitorientierte Angebote. Dabei eignet sich Kultur aufgrund von Emotionen, die angesprochen werden, besonders gut, um Erinnerungen anzuregen und die Ressourcen von Dementen zu stärken. "Das heißt, gerade die Kultur kann mit ihren Mitteln dazu beitragen, ein Stück Identität wieder (oder ganz neu!) zu entdecken", so der Kulturgeragoge Jochen Schmauck-Langer von dementia+art im Interview mit ProAlter-Redakteurin Dagmar Pfaffenholz. Immer mehr Museen, Konzerthäuser sowie Theater- und Musikgruppen entscheiden sich bewusst für ein Programm für Menschen mit Demenz und beweisen: Kultur hilft bei Gedächtnisverlust.

Kunstmuseen öffnen ihre Türen

Zwölf deutsche Museen bieten heute in ihrem regulären Programm Führungen für Demenzkranke an, darunter das Lehmbruck Museum. Es geht um die Frage: Wie kann Menschen mit Demenz ein barrierefreier Zugang zu Kunst ermöglicht werden und kulturelle Teilhabe gelingen? Sicherlich spricht das Angebot vorwiegend Menschen an, die körperlich mobil sind. Doch das Kunstmuseum eignet sich besonders gut, da es hier nicht um ein Erinnern geht, sondern in erster Linie um ein Erleben von Kunst. Die Fähigkeit, Gefühle zu empfinden und mitzuteilen, ist erst im Spätstadium der Demenz beeinträchtigt. In den Museumsführungen speziell für Demente ist ausdrücklich erwünscht, was im Alltag irritierend wirken kann: Die Besucher sollen unmittelbar und emotional reagieren dürfen. Ihre individuelle Wahrnehmung, ihre Reaktion auf Kunstwerke und Hingabe im Hier und Jetzt bietet einen idealen Einstieg für Gespräche. Die Führungen folgen didaktischen Methoden, Besonderheiten der Kommunikation und achten auf eine entsprechende Werkauswahl. Das Programm soll Impulse setzen und Erinnerungen aus der Kindheit erwecken, ohne die Besucher zu frustrieren.

Musik beflügelt die Erinnerung

Musik kann viele positive Erinnerungen wachrufen und bei Demenz oft da ansetzen, wo Sprache für die Kommunikation nicht mehr funktioniert. Musik erreicht gerade Menschen, deren Artikulation durch die Krankheit bereits stark eingeschränkt ist und nimmt ihnen Unsicherheiten. Da Erinnerungen aus der Kindheit und Jugend bei Dementen oft präsenter sind und sich durch Rhythmus und Melodie stärker eingeprägt haben, werden die Zuhörer bei Liedern aus dieser Zeit aufmerksam und singen teilweise sogar mit. Die Studien der Veranstaltungsgruppe "Klang und Leben" belegt, dass Musik bei dementen Menschen das Wohlbefinden und die Lebensqualität verbessern, den Appetit steigern und geistige und körperliche Aktivität sowie einen tieferen Schlaf begünstigen kann. Die Wirkung zeigt sich manchmal für ein bis zwei Tage, in anderen Fällen auch etwas länger. Das spendet nicht nur den Dementen, sondern auch den Angehörigen Trost.

Lyrik hilft dem Gedächtnis auf die Sprünge

Ebenso wie Musik spricht Lyrik das Langzeitgedächtnis an. Seit 2004 arbeitet der amerikanische Poet Gary Glazner regelmäßig mit Demenzkranken und gilt mit seinem "Alzheimer‘s Poetry Project" als Erfinder eines auf Gedichten basierenden Programms zur Gedächtnisrehabilitation. Darauf bauen auch deutsche Anbieter wie Demenzpoesie ihr Programm auf und nutzen erprobte Techniken, wie Gruppengedichte, Call and Response, Wiederholungen und weitere. Ziel ist, Unsicherheiten langsam abzubauen, so dass die Teilnehmer Mut fassen, mittels Lyrik zu kommunizieren. Dabei muss die Poesie-Auswahl an die emotionale Stimmung angepasst werden, was eine gewisse Sensibilität voraussetzt. Die Reaktionen bleiben dennoch unterschiedlich, wie der deutsche Poetry-Slammer Lars Ruppel erklärt: "Manche brechen in Tränen aus, andere lachen und tanzen, wieder andere schlafen vor lauter Entspannung ein." Nicht selten wird bei seinem Programm auch das Pflegepersonal einbezogen, zu denen die Bewohner über die Gedichte eine besondere Bindung aufbauen.

Theater zum Mitmachen

Da Menschen mit Demenz in der Gegenwart leben, sind sie ein ideales Publikum für Theaterinszenierungen. Die aufmerksamen Besucher wollen mitmachen und kommentieren einzelne Szenen gerne. Bei der Konzeption müssen daher laut Jessica Höhn von Demenzionen Spielräume für spontane Handlungen eingeplant werden und Demenzkranke zum Mitmachen eingeladen werden. Dies geschieht durch Singen, einfache Bewegungen oder Frage-Antwort-Spiele. Außerdem werden in den Stücken möglichst alle Sinne angesprochen. Eine Aufführung beträgt aufgrund der Konzentrationsspanne maximal 50 Minuten, die Sätze sind kurz, auf Subtexte sowie zwischenmenschliche Unklarheiten wird verzichtet und die Geschichte verläuft linear. Beliebte Themen sind das Zuhause sowie die 1950er Jahre mit ihrer positiven Aufbruchsstimmung und Schlagerzeit. 

Gerade die Pflege von Demenzkranken ist zeitintensiv und erfordert Fachwissen, hohe Sensibilität und gute Organisation. Angehörigen sowie Betroffenen stehen Experten aus Gesundheits- und Versicherungswesen zur Verfügung. Auf den Seiten des Pflegeversicherers UKV Union Krankenversicherung erfahren Sie hilfreiche Antworten zu wichtigen Fragen rund um Pflege und die Übernahme von Pflegekosten.


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