Es gießt wie aus Kübeln. Seit Stunden durchstreift Martin Albrecht das Karwendelgebirge. Endlich findet er einen Unterschlupf – eine verwitterte Almhütte auf 1700 Metern Höhe, in der sogar noch ein kleines Feuer glimmt. Aus Langeweile wirft er irgendwann kleine Steine in die Glut und springt wie elektrisiert hoch, als plötzlich das erste Bröckchen brennt. Das kann nur Ölschiefer sein, dachte er sich damals. Mitten in einem Unwetter stößt er am 12. August 1908 zufällig auf das Gestein. Schon lange suchte er danach, denn die Reserven im Mariastollen unten am Achensee neigten sich dem Ende zu und die Existenz seiner Familie war bedroht. Der pure Zufall machte ihn so zum Gründer der Tiroler Steinölwerke.

111 Jahre später ist das Unternehmen ein florierender Familienbetrieb in der vierten Generation. Neben der klassischen Zugsalbe gehören vom Massageöl über Haarshampoo und Wärmepackung bis hin zur Body Lotion, eine Reihe von Produkten zum Sortiment, das in den Wellnessabteilungen der Hotels rund um den Achensee mit seiner heilsamen Kraft des "Tiroler Meeres" und seinem hohen Schwefelgehalt längst allgegenwärtig ist. Denn im Ölschiefer sind pflanzliche und tierische Organismen eingeschlossen, die vor Millionen von Jahren auf dem Grund des Ur-Mittelmeers konserviert wurden und bei der Auffaltung der Alpen nach oben gelangten.

Der Weg ins Bächental ist heute nahezu ein Spaziergang, ein ausgeschilderter Erlebnis-Wanderweg, dessen acht Kilometer und 700 Höhenmeter am Nordufer in Achenkirch beginnen. Vom Rauschen des Unteraubachs und dem Bimmeln zahlreicher Kuhglocken begleitet, schlängelt sich der Weg zunächst sanft ansteigend durch schattigen Nadelwald. Anschließend wird es steiler. Informationsschilder über das berühmte Steinöl dieser Region säumen den Weg und laden zum Lesen und Verschnaufen ein.

Unterhalb des Gröbner Jochs, dem mit 1650 Meter höchsten Punkt der Wanderung, sieht man mit etwas Glück Steinadler kreisen. Dann geht’s wieder bergab über einen Pfad mit rabenschwarzen Gesteinsbröckchen dem ausgebrannten Ölschiefer. Vorbei am gelben Enzian, dessen Wurzeln die Einheimischen für Hochprozentiges ernten.

Kaum vorstellbar, dass die Knappen diesen Weg einst mehrmals täglich bewältigten – mit 25-Liter-Kanistern Steinöl auf dem Rücken. Ende der 1930er Jahre übernahmen Mulis den Job, später wurde eine Pipeline gebaut, dann eine Materialseilbahn. Beides verschwand aus der Bilderbuchlandschaft, als 1972 die kleine Straße gebaut wurde.

Bevor das Steinöl hinunter ins Tal gebracht wird, ist es aber auch heute noch ein weiter Weg. Herzstück der Brennerei ist ein Doppelrohrofen, in dem faustgroße Ölschieferbrocken auf 550 Grad erhitzt werden. Dabei tritt das Öl gasförmig aus und schlägt sich beim Erkalten in flüssiger Form nieder. Aus gut zwei Tonnen Schiefer werden täglich bis zu 80 Liter Steinöl gewonnen. Das Rohöl wird anschließend aus dem Bächental nach Jenbach in die Veredelungsanlage gebracht, die südlich des Achensees liegt. Dort erhalten die feinen Pflegeprodukten ihren letzten Schliff.

Weitere Infos finden Sie unter www.achensee.com


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