Jessika Fichtel ist auf dem besten Weg, eine Puffbohne zu werden. Puffbohnen sind Kulturpflanzen, von einer Wildform ist nichts bekannt. Zwei Meter hoch können sie aufragen. Im Mittelalter baute man sie rund um Erfurt an. Wohl deshalb nennen sich gebürtige Erfurter selbst liebevoll nach dem Gewächs. Auch Jessika Fichtel ist eine echte Kulturpflanze, wenn auch keine zwei Meter groß. Vor drei Jahren schlug sie in Erfurt Wurzeln und wächst seitdem tiefer und tiefer in ihre neue Heimat hinein. 
Den größten Teil dieser Zeit kann man mitverfolgen, kann lesen, wie sie die Stadt erforscht und entdeckt. Auf dem von ihr gegründeten Blog Feels Like Erfurt nimmt die freiberufliche Texterin und Autorin Leser mit auf ihren Erkundungstouren durch die thüringische Landeshauptstadt. "Erfurt ist eine Stadt der Macher", sagt Fichtel. "Jeder versucht das Leben hier noch ein bisschen besser, vielfältiger, ereignisreicher zu machen." Vor zehn Jahren hatte Fichtel ihre Heimat Thüringen verlassen, um in Magdeburg zu studieren. Von Anfang an mit im Gepäck: Heimweh. Deshalb zog sie zurück, nach Erfurt, das sie bis dahin nicht wirklich kannte.

Schön historisch

Erfurt ist eine schöne Stadt, man kann es nicht anders sagen. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie kaum zerstört, das eine oder andere Haus brannte zwar nieder, doch die Baulücken wurden schnell und unauffällig gefüllt. In der Altstadt lässt sich gut erahnen, wie das Leben im Mittelalter gewesen sein muss, als die Pferdewagen und Karren durch die engen Gassen geholpert sind, vorbei an den Häusern mit den Giebeln, die sich ein bisschen nach vorn oder zur Seite neigen, die alles sind, nur nicht schnurgerade. Zu jener Zeit war Erfurt reich und berühmt, weil die Stadt so zentral gelegen war an der Kreuzung der Via Regia und der Straße, die Nürnberg mit der See verband. Es ist noch alles erhalten, die Fassaden leuchten in kräftigen Farben, Fresken und kleine Statuen zieren sie. Dazwischen immer wieder Brücken und Kirchen. Egal, um welche Ecke man biegt, immer wieder steht man vor einer Kirche, vor einer anderen wohlgemerkt. 

Eine Stadt der Lieblingsorte

Die Altstadt sei pittoresk, besonders liebe sie die Gegend hinter der Krämerbrücke. "Da ist man mitten im Gewusel der Stadt und hängt trotzdem entspannt am Wasser herum. Es gibt gute Sitzmöglichkeiten und die Brücke ist einfach schön anzusehen", sagt Jessika Fichtel. Nur manchmal vermisst sie die Weite des ländlichen Thüringens, in der sie aufgewachsen ist. Wenn sie dieses Bedürfnis nach Freiraum hat, im ganz wörtlichen Sinn, wandert sie auf den Petersberg, einen 231 Meter hohen Hügel mitten in der Stadt. Sie liebt die Ruhe, die Weitläufigkeit und den Lost Place Charme der wenigen Gebäude, die dort über der Stadt thronen. Hier steht auch die Peterskirche, für Fichtel ein weiterer Ort, an dem sie gerne herumflaniert.

Jeder in Erfurt kennt den Petersberg, trotzdem hat sie ihm viel Platz auf ihrem Blog gewidmet. Fichtel will sich nicht auf die Superlative "schneller", "höher", "neuer" einlassen. Sie begeistert sich für neu entstehende Quartiere wie den Nordbahnhof mit Plattenladen, Club und DJ-Kursen genauso wie für Orte, die alle kennen, nur eben die nicht, die neu in der Stadt sind. "Aber es gibt einen Erinnerungseffekt. Die, die schon ewig hier leben, freuen sich, daran erinnert zu werden, dass sie mal wieder dorthin gehen könnten, wo sie ihre halbe Kindheit verbracht haben", sagt Fichtel. Manchmal gerät eben in Vergessenheit, was für schöne Ecken die eigene Stadt doch hat.

Heute hat Erfurt knapp 200.000 Einwohner und der bekannteste lebende ist vermutlich Clueso. Auch er ist einer, der die Stadt mitgestaltet hat. Östlich der Altstadt am alten Güterbahnhof hat er das Kreativzentrum Zughafen mitentwickelt, ein weiterer von Fichtels Lieblingsorten in der Stadt. Zwischen der Kleinen Rampe, Halle 6 und dem StattStrand spürt man am besten, was Erfurt so besonders macht: ein buntes Sammelsurium an Entfaltungsmöglichkeiten. "Man spürt, dass den Leuten, die hier aktiv sind, die Stadt am Herzen liegt", sagt sie. Erfurt vereine das kulturelle Leben einer Großstadt mit der Wärme und Nähe eines Dorfes. Wegzuziehen kann sich Jessika Fichtel, die Puffbohne, deshalb nicht vorstellen.

Von Pia Volk

Liebe abseits der Touristenpfade: Jessika Fichtels Geheimtipps


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