Nur wenig im Kloster Volkenroda ist so, wie man sich das Leben in einem Kloster vorstellt. Hier schallen keine monotonen Mönchsgesänge über den Innenhof, keine Nonnen in schwarzen Kutten huschen von Haus zu Haus, die fromme Strenge fehlt. Stattdessen lädt die sanierte Kirche – die älteste noch erhaltene Klosterkirche der Zisterzienser in Deutschland – Gäste in ihr klares, lichtes Inneres. Und Gäste gibt es viele. Sie kommen gern in das kleine Dorf Volkenroda in der Mitte Deutschlands, abseits der großen Städte und eingebettet in Felder und Grasflure, über denen Bussarde kreisen.

Nicht nur Pilger und Gläubige aus aller Welt finden den Weg hierher, kommen zum gemeinsamen Essen, Arbeiten und Beten. Menschen in Lebenskrisen genießen im Kloster Ruhe und seelsorgerische Hilfe. Architekturfans bewundern den ausgefallenen Christus-Pavillon, den Architekt Meinhard von Gerkan für die Weltausstellung in Hannover entwarf. Jugendliche kümmern sich in einem Freiwilligen Sozialen Jahr um verschiedene Bereiche im Kloster. Es gibt Raum für kreatives Schaffen, den eine Krippenbaumeisterin und ein Instrumentenbauer mit ihren Ateliers füllen. Tagungen, Bauernmärkte und das Sommerkino ziehen unzählige Besucher an. Volkenroda ist ein Kloster, das offen für alle ist – und offen dafür, ein Kloster von heute zu sein.

Krisen in Ruhe verarbeiten

Ulrike Köhler, Seelsorgerin und ehrenamtliche Pfarrerin, läuft über das Klostergelände. Ihr Handy klingelt. Eine Frau möchte für eine Auszeit ins Kloster kommen. Erst in vier Wochen wird wieder ein Termin frei, die Plätze sind begehrt. Manche kommen, weil sie eine Pause einlegen und über anstehende Entscheidungen nachdenken wollen. Andere müssen den Tod eines Partners verarbeiten, haben ihre Arbeit verloren oder ein Burnout erlitten. Im Kloster Volkenroda können sie wieder zu sich finden. Das gilt für Christen wie für Nichtchristen. Sie alle genießen die Ruhe. Wer möchte, kann abseits des alltäglichen Lebens auf einer Wiese im Bauwagen schlafen. Dort gibt es nur Bett, Tisch und Stuhl. Zum Bad geht es 300 Meter über die Wiese. Während des Tages besuchen alle die Andachten, essen gemeinsam im Speisesaal. Zwischendurch wird gearbeitet: Auf dem Bauernhof ausmisten, Laub fegen – im Kloster ist immer genug zu tun. "Die körperliche Arbeit beruhigt die Gedanken und lässt die Gäste sich als Teil der Gemeinschaft fühlen", erklärt Köhler. Sie bietet zudem seelsorgerische Gespräche an. "Wir können Verlorenes nicht zurückbringen, aber wir können Halt bieten."

Ulrike Köhler ist eigentlich Agraringenieurin, sie arbeitete früher in einer Milchkuhanlage. 1990 schaute sie auf ihr Dorf: Die alten Gebäude, die Klosteranlage – von Jahrhunderten zerfressen, hielten sich die Mauern nur noch notdürftig aneinander fest. Die Kirche war einsturzgefährdet. Köhler wollte sie wiederaufbauen. Und tatsächlich schob ihre Idee in Volkenroda alles an. Sie beantragte ABM-Stellen – und bekam vierzig Leute auf einmal. "Wir schippten hier den Dreck von Jahrhunderten weg." Und dann habe sich einfach alles gefügt, sagt Köhler bescheiden. Begegnungen mit den richtigen Menschen zur richtigen Zeit: zum Beispiel die engagierte Denkmalpflegerin in Mühlhausen, die aufgeschlossenen Beamten in Erfurt, der Verantwortliche fürs Haus der Kirchen auf der Weltausstellung. Sie trugen wie unzählige andere zum Wiederaufbau des Klosters bei. Mit der Jesusbruderschaft fanden die Klostererneuerer eine Glaubensgemeinschaft, die sich vorstellen konnte, Volkenroda neu zu besiedeln. Heute ist der Hauptraum der Kirche wiederaufgebaut. Ohne bunte Fenster, ohne geschnitzten Altar, ohne Bemalung lädt sie hell und klar die Gläubigen ein.

Ein architektonischer Glücksfall

In der Mitte der Klosteranlage liegt ein Teich. Eine Katze taucht ihre Pfote ins Wasser, neugierig nach den Goldfischen haschend. Für sie zählt nur der Augenblick. Doch das türkis schillernde Quadrat spiegelt mehr wider als nur einen Moment: Es verbindet die alte Kirche aus dem 12. Jahrhundert mit dem modernen Christus-Pavillon aus dem 21. Jahrhundert.

Auch der Pavillon ist das Ergebnis zufälliger Begegnungen. Eigentlich sollte an seiner Stelle das alte Langhaus des Klosters wiederaufgebaut werden. Die Bitte um finanzielle Unterstützung beim Tochterkloster traf auf den hannoverschen Landesbischof Horst Hirschler, der sich gerade Gedanken machte, wie die Kirche sich auf der Expo in Hannover präsentieren könne. Die Anfrage wurde zur Lösung: Geplant wurde ein komplett wiederverwertbares Gebäude, das nach der Weltausstellung die Lücke in Volkenroda füllen sollte. Architekt Meinhard von Gerkan entwarf den Christus-Pavillon, einen lichten Bau, der von allen Ecken neue Einblicke, Nischen, Lichtblicke bietet. Die Sonne malt Muster auf den Boden – Abbilder der mit Gegenständen aus Natur und Technik gefüllten großen Glasmodule: Teesiebe und Mohnkapsel, Holzspäne und Rohrkolben, Federn und Kassetten, Muscheln und Glühbirnen. Der sonnengemusterte Gang führt rund um den eigentlichen Gebetsraum, gebaut aus lichtdurchlässigen Marmorbausteinen. Groß und mächtig präsentieren sich die Stahlpfeiler und ein drei Meter hohes goldfarbenes Kreuz, als Altar dient ein einfacher Holztisch.

Um die Mittagszeit strömen Klosterbesucher und -bewohner aus allen Richtungen zum Gottesdienst herbei. Ulrike Köhler nimmt ein Kissen und setzt sich auf die Bank gleich am Eingang. Jugendreferentin Anne-Sophie Dessouroux spricht eine Fürbitte für eine Frau, die um ein gesundes Kind bittet. Es folgen Gesang, Gebet, Musik.

Das Kloster als Zuhause

Das Kloster ist aber nicht nur ein Ort für Besucher. Es ist auch Heimat für 15 Menschen, die zur Kommunität – der christlichen Lebensgemeinschaft – gehören. 20 Angestellte sichern den Betrieb in Küche und Herberge. Außerdem lebt hier eine neunköpfige Jahresmannschaft von FSJlern.

Sarah Burgdorf aus Freiburg im Breisgau hat gerade ihr Freiwilliges Soziales Jahr beendet. Ein bisschen wehmütig sitzt sie im Bereich der Pforte und blickt umher. Das war ihr Reich. Hier hat sie mit Gästen telefoniert, Neuankömmlinge betreut, den kleinen Laden gehütet und Herbergsplätze verteilt. Sie war die einzige nichtgläubige FSJlerin und hat die Zeit genossen. "Hier ist viel los. Das Leben und Arbeiten erweitern den Horizont."

Einbringen kann sich jeder, der möchte, Hilfe ist immer willkommen. Kristina Lohe kam einst für eine Auszeit nach Volkenroda und war fürs Stallausmisten zuständig. Der Alltag im Kloster ließ sie Ruhe finden. "Die Leute ruhen in sich selber und sind gleichzeitig total offen." Eine Verbindung, die Lohe heute selber ausstrahlt. Sie entschied sich, ganz herzuziehen. Heute ist sie stellvertretender Vorstand und verantwortlich für die Pressearbeit.

Die Kombination aus Pilgern, Gästen, Bewohnern und FSJlern tut dem Klosterleben gut, machen es dynamisch. "Wir versuchen, Gott in den Alltag zu holen", erklärt Ulrike Köhler die vielen spannenden Angebote in Volkenroda, die sich an verschiedene Zielgruppen richten. Die Mischung geht auf, sie hat das Kloster zum Magneten gemacht. Die Besucher erleben einen Mikrokosmos, der modern und traditionell zugleich daherkommt und die gängige Vorstellung eines Klosters aufbricht. "Um Volkenroda zu verstehen, muss man hier gewesen sein", fasst Sarah Burgdorf zusammen. Klingt nach einer Einladung.

Von Annett Zündorf


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