Herr Wiesing, mit dem Begriff  "Luxus" assoziiert jeder etwas anderes. Wie lautet Ihre Definition?  

Lambert Wiesing: Luxus ist keine Eigenschaft eines Gegenstandes, sondern Luxus sind Gegenstände, die von einer Person in einer bestimmten Weise besessen und erlebt werden. Entsprechend kann man auch beim Juwelier zwar bestimmen lassen, ob etwas aus Silber oder Gold ist, aber nicht, ob etwas Luxus ist. Luxus lässt sich nicht kaufen, es ist ein Gefühl im Besitz von Dingen, die einen Zweck nicht zweckmäßig erfüllen, weil sie übertrieben aufwendig sind. Luxus ist an eine Erfahrung des Bruchs mit Zweckmäßigkeit gebunden.    

Was war ausschlaggebend für Sie, sich für Luxus zu interessieren?

Wiesing: Ähnlich wie Schönheit, Kunst oder Gerechtigkeit ist Luxus ein Phänomen, das sich nicht mit naturwissenschaftlichen Methoden messen lässt. Solche Phänomene interessieren Philosophen natürlich besonders. Nur beim Luxus war das bislang nicht der Fall. Es gab schlicht keine philosophische Begriffseinordnung, als ich angefangen habe, diese Art von Grundlagenforschung zu betreiben. Ein weiterer Anlass war meine Gastprofessur in Oxford, wo mir eine Parallele zwischen Bildung und Luxus auffiel: Luxus und Bildung sind beides Phänomene, zu denen es nur kommt, wenn mehr als das Notwendige betrieben wird.    

Hat sich der Anspruch an Luxus in den letzten Jahren gewandelt?

Wiesing: Ich schließe mich den Diagnosen wie der meines Kollegen Hartmut Rosa an, dass wir in einer Gesellschaft leben, die zunehmend von Beschleunigung, Zweckrationalität und Effektivität geprägt ist. In einer solchen Gesellschaft wird es nicht für jeden, aber doch für viele offensichtlich reizvoll, sich dem Diktat der Zweckmäßigkeit zu verweigern und autonom zu handeln. Letztlich ist Luxus auch eine Form von Dadaismus, dem es darum geht, dass ein Sinn im Unsinn liegt.    

Inwieweit ist der persönlich gewählte Lebensstil Luxus?

Wiesing: Das lässt sich nicht sagen, das hängt davon ab, wie der Lebensstil von der Person erlebt wird. Wenn es um eine Verweigerung von Zweckmäßigkeit durch übertriebenen Aufwand geht und dies geschieht, um sich der eigenen Autonomie gewahr zu werden, dann ist es sinnvoll von Luxus zu sprechen, auch wenn der gleiche Lebensstil von einer anderen Person zum Protzen verwendet wird.     

Sie unterscheiden Protz und Luxus?

Wiesing: Im Alltag wird beides oft synonym verwendet. Das ist nicht sinnvoll. Protz ist ein symbolisches Phänomen, es geht um eine ästhetische Darstellung von Persönlichkeit und Kaufkraft in der Öffentlichkeit; Protz und Prestige sind dasselbe. Luxus hingegen ist eine ästhetische Erfahrung, die auch im Privaten, ohne Publikum möglich ist.    

Prägt der eigene Lebensraum das Luxusempfinden: also zum Beispiel eine naturreiche Region wie Thüringen im Gegensatz zu einer Metropole wie New York?

Wiesing: Nein. Man kann sein eigenes Leben in New York schrecklich finden, aber man führt es dennoch dort, weil es zweckmäßig ist, weil man dort arbeitet. Dann wird man es aber nicht als Luxus erfahren, dort zu leben, sondern als praktisch. Wer sich andererseits für Thüringen als Wohnort entscheidet, obwohl die Arbeitsstelle etwa in München ist, kann diesen nicht notwendigen Aufwand dieser Lebensform als Luxus erfahren. Luxus hängt immer an der eigenen Erfahrung, die mit einem übertriebenen Aufwand gemacht wird. 


Zur Person

Der Philosoph Lambert Wiesing lehrt an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. © Friedrich Schiller Universität Jena

Lambert Wiesing leitet seit 2009 den Lehrstuhl für Bildtheorie und Phänomenologie am Institut für Philosophie der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Die traditionelle Lehrstätte, wo bereits Vordenker wie Leibniz, Humboldt oder Hegel studierten und lehrten, legt hohen Wert auf zeitgenössische Debatten. Als wichtiger Beitrag dazu wird das Forschungsinteresse von Lambert Wiesing vom philosophischen Institut gefördert. Mit seiner deskriptiven Pionierarbeit zum Thema Luxus qualifizierte sich Wiesing darüber hinaus für den Thüringer Forschungspreis 2018, mit dem seit 1995 Spitzenleistungen der Grundlagen- und der angewandten Forschung ausgezeichnet werden. Zum Nachlesen: Luxus von Lambert Wiesing (Suhrkamp Verlag).


Von Julia Stelzner


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