Wolken ziehen über den Thüringer Wald. Helles Grau, dunkleres Grau, große und kleine Wolkengebilde türmen sich am Himmel und bringen den lang ersehnten Regen. Joe Allen würde der Himmel gefallen, das bewegte Grau mit einem kleinen Fleckchen Blau am Rand. Aber Joe Allen hat gerade keinen Blick für den Himmel. Vor zwei Tagen hat der Maler daheim in England seine Koffer gepackt, ist ins Flugzeug nach Frankfurt gestiegen, mit dem Zug nach Erfurt gefahren und dann mit dem Auto die steilen, kurvigen Täler hinauf nach Böhlen. Dort, in der Thüringischen Sommerakademie, wird er in den nächsten zwei Wochen Erwachsene im Malen unterrichten.

Böhlen ist ein typisches Dorf im Thüringer Schiefergebirge: Die Häuser verkleidet mit schwarzen Schieferplatten; zwischen Gardinen und Orchideen füllen mundgeblasene Glashänger die Fenster. An der Ortsstraße parkt links in einer großen Einfahrt ein Auto mit Berliner Kennzeichen und geöffnetem Kofferraum. Einst gingen jeden Tag Böhlener durch dieses Tor zur Arbeit in die Fabrik. Jetzt stehen Kisten mit Malsachen und ein Stapel Leinwände neben der Werkstür. Die Malschüler sind da.

Schüler und Lehrer

Sie sind Lehrer, Rentner, Pralinenmacherin und Kinderärztin und kommen aus allen Ecken Deutschlands: Olbersdorf im Zittauer Gebirge, Berlin, Darmstadt, Stuttgart, Hamburg. "Das sind Leute, die ihr ganzes Leben in anderen Berufen gearbeitet und vom Kreativen geträumt haben", sagt Joe Allen. Deshalb gibt er mehr, als nur einen Zeichenkurs: "Ich helfe ihnen, ihre Träume zu verwirklichen." Und die können von abstrakten Malereien über an Comics angelehnte Motive in Bonbonfarben bis zu Porträts alles umfassen. Wichtig ist die Farbe. "Ich versuche, mit meinen Schülern einen guten Farbklang zu entwickeln", erläutert der Maler.

Joe Allen selbst ist 63 Jahre alt. Er hat sein ganzes Leben lang gemalt, den Bereich Malerei an der Europäischen Kunstakademie in Trier aufgebaut und viele, viele Schüler unterrichtet. Seine eigenen Arbeiten sind mehrdeutig. Da sind Landschaften und Räume, die keine bestimmten Orte zeigen. Sie regen die Fantasie an, der Blick verliert sich in Details und Farben. "Man kann einen perfekten Farbklang erzeugen", erklärt der Meister. "Aber viele sehen nicht, welche Farben zusammenpassen." Allen greift zu einem musikalischen Vergleich: Jeder empfände einen Drummer in einem Liszt-Stück als unpassend. Und genauso sei es mit den Farben.

Von der Fabrik zur Akademie

Christoph Goelitz kommt vorbei, begrüßt die Teilnehmer und verschwindet wieder. Seinen Eltern hat die Fabrik einst gehört. Im Familienbetrieb stellten rund 50 Mitarbeiter mundgeblasene Thermometer her, füllten sie mit Alkohol und verpackten sie für den Verkauf sorgfältig in Pappkartons. In den siebziger Jahren wurden die Eltern enteignet, die Fabrik wurde Volkseigentum. Sohn Christoph – Musiker – verschwand in den achtziger Jahren nach Westberlin. "Ich hatte eine Karriere als Musikethnologe geplant", erinnert sich Goelitz. Nach der Wende bekam die Familie die Fabrik zurück, Goelitz reiste mit einem Freund in sein Heimatdorf und dabei entstand die "spinnerte" Idee einer Sommerakademie. "Wir wollten für einen Sommer Leute herholen, die Kunst machen." Aus dem einen Sommer sind viele geworden. Maler, Bildhauer, Steinmetze, Pianisten – die Liste der Künstler, die hier gelehrt und gearbeitet haben, ist lang. Die bunten Vögel sind im Dorf gern gesehen, "denn wir haben die Leute hier von Anfang an miteinbezogen", sagt Goelitz.

Oben im Atelier werden die Malsachen ausgepackt. Pigmente, Acrylfarben, Tusche, Öl, Pinsel, Leinwände, Skizzenbücher, vorbereitete Leinwände und mitgebrachte Arbeiten. Auf Ulrikes Tisch liegt bereits ein kleines, blaues Bild mit grünen Akzenten. "Ich habe Farbe ein bisschen hin und her geschoben" sagt die Chemnitzerin und widmet sich einer größeren Leinwand, die sie an die Wand gehängt hat. Joe Allen wird die kleine Arbeit am nächsten Tag loben. Es waren wohl die richtigen Farben, die Ulrike hin und her geschoben hat.

Unten im großen Lagerraum, einst voller kleiner Regalabteile, gibt es heute Polenta. Hier sitzen Schüler und Lehrer gemeinsam am langen Holztisch beim Essen. Zeichnungen und Plakate von Kunst-Events hängen an den Wänden. Jana Gunstheimer, Professorin für Experimentelle Malerei und Zeichnung an der Bauhaus-Universität in Weimar, war das erste Mal vor 25 Jahren an der Sommerakademie. Da war sie gerade 18. Jetzt bringt sie ihre Studenten her: "Die lieben diesen Ort", erzählt die Künstlerin. Es ist nicht nur die Akademie selbst: "Im Dorf trifft man Leute und hält ein Schwätzchen, im Trödelladen gibt es Sachen, falls man irgendetwas zum Kunst machen braucht."

Heute brauchen alle erst mal Schlaf. Kein wilder Künstlertreff wird am Abend stattfinden. Dafür sind die Ersten am nächsten Morgen schon früh im Atelier. Farbtuben werden geöffnet. Pensionärin Marianne hat ihre Leinwand auf dem Boden befestigt, bei Angelika erscheinen Tuschestriche im Skizzenbuch.

Lehrerin Antje hat eine ganze Reihe Bilder auf einen Tisch gelegt. Ihr Thema sind Blumen – getupft, gestrichelt, gezeichnet, aquarelliert. Ein paarmal hat sie bereits ausgestellt, einen hübschen Kalender gibt es auch. Aber vor Joe Allens Augen finden ihre Arbeiten wenig Gnade. "Das ist Deko", urteilt er. Gemeinsam schauen sie ihre Werke durch. Er sucht ein paar heraus, mit denen sie "arbeiten", also die Deko zur Kunst weiterentwickeln kann.