Mitten in einer alten Kirche in Erfurt residiert die Yazio-Truppe. © Stefanie Loos für das TMWWDG

Schnörkelreich und rot-weiß fällt die Barockfassade sofort ins Auge in der ansonsten schlichten Häuserzeile. Ganz alt trifft hier auf ganz modern. Früher lebten hinter diesen Mauern Mönche, heute hat das Unternehmen Yazio in der umgebauten Kirche des ehemaligen Kartäuserklosters seinen Firmensitz. Es wird "Jásio" gesprochen und vertreibt die gleichnamige Gesundheits-App fürs Handy. Über eine Million Nutzer weltweit analysiert damit schon ihre Ernährungsgewohnheiten.

"Die Idee dazu hatten wir bei einem Bier in der Kneipe", erzählt Gründer Florian Weißenstein, 34. Mit Studienfreund Sebastian Weber, 33, startete er 2009 seine Erfolgsgeschichte und erzählt: "Wir waren beide sportlich sehr aktiv und haben uns viel mit gesunder Ernährung beschäftigt. Weil es das digitale Hilfsmittel, das wir wollten, nicht gab, haben wir es selbst entwickelt." Mit Erfolg: Mittlerweile ist Yazio die Nummer eins unter den Gesundheits- und Ernährungs-Apps in Deutschland und Teilen Europas, sie wird in über 150 Ländern und 20 Sprachen angeboten. Die riesige Fangemeinde hat insgesamt schon 463.553 Kilo abgenommen und war 114.861.552 Minuten aktiv. In der App-Datenbank sind Zehntausende Lebensmittel registriert – von der Currywurst vom Imbiss über 150 Gurkensalate verschiedener Hersteller bis zu Schokoriegeln. Mithilfe dieser Daten können Nutzer exakt erfassen, welche Menge an Kalorien, Kohlenhydraten, Eiweiß oder Fett sie zu sich nehmen, ihr Diätziel eingeben und zwischen verschiedenen Ernährungskonzepten wie Trennkost oder Low-Carb wählen.

Am Büro-Esstisch werden Rezepte entwickelt – und gleich gegessen. © Stefanie Loos für das TMWWDG

Start-up-Mekka Berlin? Nein, danke

Was anfangs eine Website mit Kalorientabelle war, wurde zur App, aus den Kommilitonen eine GmbH. Jahrelang konnten sie sich kein Gehalt auszahlen, sie blitzten bei Investoren ab, kämpften. Sie blieben in Thüringen, zogen in die Landeshauptstadt. Für Florian Weißenstein gibt es "Großgroßstädte" wie Berlin oder München – und eben Erfurt, 213.000 Einwohner. "Nein, das ist absolut keine Großstadt", sagt er. Und das ist sehr gut so. "Wir beide wissen die kurzen Wege zu schätzen. Ich bin in fünf Minuten mit dem Rad im Büro, kann mittags kurz nach Hause fahren. Morgens gehe ich im Steigerwald joggen oder fahre vor der Arbeit noch ins Schwimmbad." Kompagnon Sebastian ist Familienvater, hat zwei Kinder. 

Florian Weißenstein und Sebastian Weber haben Yazio gegründet © Stefanie Loos für das TMWWDG

Oft gehen die Yazio-Chefs abends nach der Arbeit noch ins Hopfenberg, trinken was, besprechen den Tag.

Auch rüber zum Hauptbahnhof läuft man vom "Kirchenbüro" aus nur zehn Minuten. "Die ICE-Anbindung von Erfurt ist ein enorm großer Vorteil", sagt Weißenstein. "Der Sprinter ist in eins fünfundvierzig in Berlin und neuerdings auch in reichlich zwei Stunden in München. Wir machen oft Tagestrips, treffen Geschäftspartner, arbeiten im Zug. Das ist super effizient."

Trotzdem, über einen Umzug nach Berlin, wo das deutsche "Ökosystem Internet", wie sie es nennen, zu Hause ist, haben die beiden Gründer schon mal nachgedacht. Haben überlegt, ob es ihnen in Berlin besser gehen würde, ob sie schneller wachsen könnten. Das Ergebnis: "Nein! Wir möchten nicht nach Berlin, weil es für uns persönlich nicht taugt. Punkt."

Platz da: Start-up-Szene in Thüringen

In ihrer Heimat sind sie als App-Publisher Vorreiter. 31 (1,7 Prozent) der deutschlandweit 1837 untersuchten Start-ups sitzen in Thüringen, wie der Deutsche Startup Monitor 2017 (DSM) belegt – und 309 (16,8 Prozent) in Berlin. Im Hightech-Bereich kamen in Thüringen 1,2 Gründungen auf 10 000 Einwohner. Das geht aus dem Gründer- und Unternehmerreport 2017 des Thüringer Zentrums für Existenzgründungen und Unternehmertum (ThEx) hervor.

Was die Zahlen verschweigen, ist die Qualität der Neugründungen: In Thüringen entstehen innovative Start-ups wie Heyfair, Redwave Medical oder Oncgnostics, die zu den deutschen Top-50-Gründungen gehören. Yazio-Chef Weißenstein, der "von nebenan", aus Hessen, kommt, sieht ebenfalls Potenzial für seine Wahlheimat: "Gerade Hochschulen sind Brutstätten für Gründertum. Die TU Ilmenau bietet das Fach ‚Unternehmensgründung und -führung‘ an. Das ist ein richtiger, wichtiger Wegweiser."

Florian Weißenstein schätzt die kurzen Wege in Erfurt. © Stefanie Loos für das TMWWDG

Weißenstein selbst studierte dort Medienwirtschaft mit Wirtschaftsinformatik, sein Kommilitone und WG-Kumpel Weber Controlling und Rechnungswesen – eine ideale Kombi. Jetzt sitzen sie in ihrer Kirche mit den unverputzten Bruchsteinwänden und den meterhohen Fenstern – das urbane Loft verkörpert auf dezente Weise den Start-up-Erfolg, von dem rund um den Globus geträumt wird. Ja, sie sind stolz auf ihren Weg, sagen die Hausherren. 2017 gewannen sie mit dem Thüringer Gründerpreis in der Kategorie "Erfolgreiches Jungunternehmen" auch institutionelle Anerkennung. "Heute bekommen wir regelmäßig Investorenanfragen", so Weißenstein. "Aber es war noch kein Angebot dabei, das für uns Sinn gemacht hätte. Da behalten wir lieber hundert Prozent der Anteile und können selbstbestimmt agieren." Ihre Einnahmen generieren sie aus den Zusatzabos, die ihre User abschließen, um erweiterte Funktionen nutzen zu können. Das günstigste kostet 3,99 Euro im Monat.

In Thüringen profitieren die App-Profis von Vorteilen, die viele "Großgroßstädte" ihren Gründern zunehmend nicht mehr oder noch nie bieten konnten: niedrige Mieten, schöne Landschaften, ideale Anbindung. Warum sich dennoch viele Start-ups auf den bekannten Plätzen tummeln? "Es gibt ein Henne-Ei-Problem", sagt Weißenstein. Berlin ist größer, deshalb gibt es zunächst mal absolut betrachtet mehr Gründungen. Das Thema ist dort allgegenwärtig, hat einen hohen Strahlfaktor. Andere wollen dann auch Gründer sein …"