Jan Schlennstedt steht an einem rustikalen Holztisch vor dem grün lackierten Werkstor seiner Brauerei. Tagsüber hat er in dem Industriegebäude aus Backstein Bier nach einem alten Thüringer Rezept gebraut. Jetzt genießt er den Feierabend und prostet sich mit einer schlanken Glasflasche selbst zu: "Auf den Zughafen", sagt der 34-Jährige und lacht.

Größtes Kreativzentrum Thüringens

Der Zughafen in Erfurt befindet sich östlich der Altstadt ungefähr auf Höhe des Stadtrings und ist etwa so groß wie anderthalb Fußballfelder. Zu ihm gehören ein mehrstöckiges Gebäude, in dem früher die Verwaltung der Bahn untergebracht war, sowie mehrere Lagerhallen. 2002 zogen junge Kreative in die leer stehenden Gebäude ein. Unter ihnen war der Erfurter Sänger und Songschreiber Clueso, der hier seine Musikerkarriere startete. 2016 verlegte er schließlich seinen beruflichen Schwerpunkt nach Berlin – und hinterließ im Zughafen jede Menge Raum für neue Perspektiven und Projekte.

Jan Schlennstedt hat seine Brauerei Heimathafen im Zughafen im Frühjahr 2017 eröffnet. Er ist einer der mehr als 40 Pioniere, die dem ehemaligen Güterbahnhof neues Leben einhauchen. Direkt neben seiner Brauerei wird der Bildhauer Thomas Nicolai zusammen mit seinem Sohn Leopold künftig eine Whisky-Destillerie betreiben. Das Wasser dafür soll aus einer thüringischen Waldquelle stammen, und die Gerste eines lokalen Bauern möchten sie in einem Erfurter Malzwerk verarbeiten lassen. Den alten Güterbahnhof kennt Thomas Nicolai noch aus seiner Kindheit, er hat oft auf dem Gelände gespielt. Es freut ihn, dass das Areal inzwischen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich ist. Deshalb möchte er in seinen Räumlichkeiten nicht nur Whisky produzieren, sondern auch Kunst ausstellen und Lesungen halten. Von seinen Reisen bringt er immer neue Anregungen mit nach Erfurt: "Gerade war ich in Barcelona und bin ganz inspiriert von der Gaudí-Architektur", sagt der 53-Jährige. "Im Moment schwebt mir daher für unsere Whisky-Manufaktur eine Gestaltung der Außenfassade vielleicht im Stil der Sagrada-Família-Basilika vor."

Dass der Zughafen vor Leben und Kreativität pulsiert, ist nicht zuletzt Andie Welskop zu verdanken. Nach Cluesos Weggang gründete der Zughafen-Manager den Verein "Netzwerk Kulturbahnhof e.V." und kämpfte als Einzelunternehmer und Inhaber des Mietvertrags mit der Bahn dafür, den auslaufenden Vertrag zu verlängern. Mit Erfolg. Im Frühjahr kündigte die Stadt an, das Gelände zu kaufen und für die Pioniere der Kreativwirtschaft zu erhalten. Inzwischen ist in der alten Industriearchitektur ein Ort der Erholung und Inspiration entstanden. "Hier werden teilweise fünf Locations gleichzeitig bespielt sein", sagt Andie Welskop. "Und zwar ein Biergarten, ein Café, zwei Clubs und die große Halle 6, in der Live-Konzerte stattfinden. Das macht schon Eindruck."

Mittelpunkt eines neuen Quartiers

Nicht nur für Erfurter, auch für Besucher von außerhalb ist der Zughafen interessant. In Erfurt kreuzen sich die Zuglinien Hamburg, Berlin, München, Dresden und Frankfurt. Deshalb soll in den kommenden Jahren in fußläufiger Entfernung zum Zughafen die ICE-City entstehen – ein vollkommen neues Stadtquartier, das Reisenden aus ganz Deutschland einen angenehmen Aufenthalt in Thüringen ermöglicht. "Noch existiert das Projekt nur auf dem Papier", stellt Andie Welskop klar. "Aber wir sind der Teil der ICE-City, der bereits vorhanden und lebendig ist. Und von den Bach-Wochen bis zum Indie-Konzert decken wir kulturell nahezu alles ab, was man sich vorstellen kann. Jetzt bereits buchen die Bahn oder die Bosch-Stiftung unsere Räume für deutschlandweite Netzwerktreffen."

Die glühenden Backsteine der Industriekultur

Vor Jan Schlennstedts Brauerei befindet sich ein Biergarten mit Liegestühlen und einer Holztribüne für Freiluftkonzerte, an der unzählige Freiwillige aus Erfurt mitgewerkelt haben. Durch sie ist der Biergarten zu einem Lieblingsort für viele Einheimische und Reisende geworden. Von der Tribüne aus schweift der Blick bis zum Horizont, und in den Abendstunden ragen die Spitzen des Erfurter Doms wie Stecknadeln in ein Meer aus rosafarbenen Wolken. "Das ist einfach magisch", schwärmt Jan Schlennstedt. "Wer noch nicht hier war, sollte zum Zughafen kommen – besonders abends, wenn die Backsteine der Industriekultur im Schein der untergehenden Sonne glühen."

Von Carola Hoffmeister


Zurück zur Übersicht